Tag 54 – Samirs Weg in die Alpen

Tag 54 – Samirs Weg in die Alpen

Ich stehe in einer kleinen sauberen Küche im Keller des Zentrums für Pflege und Therapie in Kiefersfelden und wende ein Stück Lammfleisch und ein paar Köfte, die in einer heißen Pfanne vor sich hin brutzeln. Meine Kinder essen einen Schokoladennikolaus, den eine nette Pflegerin ihnen zuvor geschenkt hatte. „Hier kochen wir manchmal zusammen mit Einwohnern, die aus anderen Ländern stammen, landesspezifische Gerichte. Damit sie ein bisschen das Gefühl bekommen zu Hause zu sein.“ erklärt mir die Pflegerin. Entspannt unterhalten wir uns über Samir und seine schwierige Zeit im Pichelmayr Altenheim. „Wie kann das sein, dass dort solche Zustände herrschen? Wir unterliegen so scharfen Regeln und werden drei Mal im Jahr bewertet.“ Ich frage mich, ob Einrichtungen für Behinderte stärker reglementiert sind als Altenheime.

Das Essen ist für Samir. Er wohnt seit drei Wochen hier und ist voller Lob für die Pflege, das Personal und die gesamte Einrichtung.

(Die ganze Geschichte von Samir kann man hier nachlesen)

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Im August dieses Jahres begleitete ich Samir zu einer Untersuchung nach Großhadern. Dort sagte man uns zu ihn aufzunehmen, um seine schweren Dekubitus zu behandeln. Die Aufnahme erfolgte bereits wenige Tage später im selben Monat. Da das Pichelmayr Altenheim, wo Samir bisher untergebracht war, bereits im Mai eine Kündigung schickte, die jedoch aufgrund mangelnder Alternativen nicht vollstreckt werden konnte, trat die vom Gericht beauftragte Vertreterin mit dem Sozialdienst des Krankenhauses in Kontakt und vereinbarte, dass diese sich um eine Alternative kümmern würde. Vor allem sollte sichergestellt werden, dass die neue Einrichtung im Stande ist, die behandelten Wunden fachgerecht zu versorgen.

Der Sozialarbeiter

In dieser Zeit trat ich in Verbindung mit Herrn Claus Fussek, Sozialpädagoge und Autor, der sich seit langen Jahren für die Rechte von behinderten und alten Menschen einsetzte. Ich schilderte ihm Samirs Fall detailliert in einer Email, worauf er mich zurückrief. Wir unterhielten uns eine Weile und machten ein Treffen aus. In einem Park in der Nähe des Krankenhauses trafen wir uns und unterhielten uns sehr lange über die Lage der Pflege in Deutschland, über Flüchtlinge, alte Menschen und über das Ehrenamt. Wir unterhielten uns über die Verantwortung des Staates und über die Schwierigkeit etwas an den Missständen zu ändern. Herr Fussek äußerte die Hoffnung, dass Samirs Fall etwas Bewegung in die Situation bringen könnte und einige Menschen nachdenklich stimmen würde. Denn was sagt das über ein Land aus, wenn ein Kriegsflüchtling, der vor Tod und Terror geflohen ist, Mitleid mit alten Deutschen hat, die in diesen Pflegeheimen leben müssen. Was sagt das über die Situation in unserem Land aus, wenn einen Kriegsflüchtling nicht Alpträume über Tod und Terror plagen, sondern die Angst in ein Altenheim zurückkehren zu müssen.

Der Anwalt

Vier Wochen nach dem Treffen mit Herrn Fussek, erhielt ich eine E-Mail von Herrn Dr. Lindner, einem Anwalt aus Rosenheim. Er verklage das Pichlmayr Heim in einem anderen Fall und würde sich gerne mit mir über Samirs Situation unterhalten. Ein paar Tage später trafen wir uns im gleichen Park. Er würde gerne Samir vertreten, um eine Klage gegen das Pichlmayr Heim einzureichen. Herr Lindner scheint das Thema wirklich am Herzen zu liegen. Bereits vor Jahren hatte er eine viel beachtete Verfassungsbeschwerde gegen den Pflegenotstand in Deutschland eingereicht. Und auch wenn er damit letztendlich gescheitert ist, so hat sein wagemutiger Schritt für viel Aufsehen gesorgt. Die Pichelmayr Heime wären berüchtigt, für die schlechte Pflege und ihm sind viele Fälle bekannt. Ich muss ihm zustimmen, denn auch ich habe mehrere Familien kennen gelernt, die Angehörige in diesem Heim haben und unfassbare Horrorgeschichten zu erzählen hatten. Er erklärte mir, dass Beschwerden bei der Heimaufsicht meist ins Leere laufen würden, eine traurige Erfahrung, die auch ich bereits machen musste. Nichts würde die Betreiber schließlich mehr treffen als wirtschaftliche Konsequenzen. Und aus diesem Grund würde eine Klage auf Schmerzensgeld am ehesten etwas an den Zuständen ändern können.

Das Problem ist jedoch, dass die meisten Familien vor solchen Klagen zurückschrecken, aus Angst ihre Angehörigen könnten noch schlechter behandelt werden. Oft behaupten die Altenheime auch einfach, dass alles nicht stimmen würde, schließlich sind die meisten Misshandelten alt und leiden unter Demenz. Samir ist anders. Er ist jung und bei Sinnen, sein Zeugnis ist nicht so einfach abzutun.

Wir gingen gemeinsam zu Samir und ich erzählte ihm von dem Vorschlag, wies ihn gleichzeitig jedoch darauf hin, dass es sein kann, dass er von diesem Geld auf Grund seines Status als Flüchtling und seiner Abhängigkeit nichts behalten darf. Darauf antwortete er: „Ich würde mich freuen, wenn wir sie verklagen würden. Mir geht es nicht um das Geld. Sie sollen bezahlen für das Unrecht, das sie mir und anderen antun. Vielleicht hilft es auch denen, die noch dort verweilen. Es gibt da so viele alte Menschen, die sich nicht wehren können.

Einige Wochen später schickt der Anwalt ein Schreiben mit der Bitte auf Übersendung des Heimvertrages, sowie der vollständigen Pflegedokumentation. Das Schreiben wird ignoriert. Nun bereiten wir eine erste Klage auf Herausgabe der Unterlagen vor.

Krankenhaus

In den zwei Monaten Aufenthalt wird Samir zehn Mal operiert. Immer wieder müssen seine Wunden operativ gereinigt werden. Zwischen jeder OP ist er an einem Gerät, dass das Wundsekret absaugt, angeschlossen. Bei den letzten OPs wurde die Wunde schließlich mit eigenem Gewebe und Muskeln abgedeckt. Seine Wunden verheilen und mit der Zeit bessert sich seine gesundheitliche Lage. Medizinisch leistete das Klinikum gute Arbeit. Im November wird er schließlich von einem Arzt aufgefordert das Krankenhaus zu verlassen. Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass der Sozialdienst es versäumt hat eine neue Unterkunft zu organisieren. Die Ärzte erhöhten dennoch den Druck, damit Samir sein Bett im Klinikum verlässt. Wir waren in einer Zwickmühle. In das Pichlmayr konnte und wollte er nicht zurück, und schon gar nicht vor dem Hintergrund der Klage, die wir vorbereiteten.

Heimsuche

Eigentlich hatten wir Anfang November einen Termin bei der Pfennigparade, einer Stiftung, die sich der Inklusion körperbehinderte Menschen widmet. Leider musste ich den Termin kurzfristig absagen, da die behandelnden Ärzte uns erst sehr spät sagten, dass Samir den ersten Monat nach seiner Entlassung weiterhin liegen muss und den zweiten Monat nicht länger als 15 Minuten am Tag sitzen darf. Ich rief also meine Ansprechpartnerin bei der Pfennigparade an und erklärte die Situation. Wir einigten uns, den Termin abzusagen und auf das neue Jahr zu verschieben. In meiner Verzweiflung fragte ich sie noch, ob sie eine Idee für eine Zwischenlösung hätte, wo Samir untergebracht werden könnte. Vor allem musste gewährleistet sein, dass seine Wunden dort fachgerecht gepflegt werden. Sie riet mir, es beim Alpenpark in Kiefersfelden zu probieren. Ich gab den Tipp an die rechtliche Betreuerin weiter, diese setzte sich mit der Einrichtung in Kontakt und keine zwei Wochen später bezog Samir dort ein Zimmer.

Alpenpark

Am letzten Sonntag fand ich endlich die Zeit Samir dort zu besuchen. Am Telefon schon erzählte er mir, dass er sehr gut behandelt wird. Und das alle Pfleger sehr nett und menschlich sind. Begeistert erzählte er mir, dass er gleich nach seiner Ankunft geduscht wurde und täglich seine Zahnbürste ans Bett bekommt, ohne dass er danach fragt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch leider war er auch anderes gewohnt. Vorbei sind die Zeiten, als er im Pichlmayer sechs Monate lang nicht gewaschen wurde und eine Zahnbürste auch nur sehr selten, nach viel Betteln ans Bett bekam. Ich brachte Samir einiges an Essen mit und verstaute es in seinem kleinen Kühlschrank. Denn, auch wenn das Essen im Altenpark im Vergleich zum Pichelmayr sehr gut ist, so tut er sich mit manch deutscher Kost noch immer schwer. Ich fragte also, ob es möglich sei ein bisschen Fleisch für ihn zu braten. Zu meiner Überraschung war dies kein Problem und alles Nötige wurde mir sofort zur Verfügung gestellt. Das Heim wirkte lebendig, viele Einwohner fuhren auf ihren Rollstühlen durch die Gegend. Und nicht wenige schienen dabei gut gelaunt zu sein. Auch begegnete ich mehreren Pflegern, die allesamt freundlich und hilfsbereit waren und immer ein Lächeln im Gesicht trugen. Niemand wirkte dabei gehetzt.

Samir ist dort fürs Erste sehr gut aufgehoben. In wenigen Wochen wird er auch an kleineren Ausflügen teilnehmen können, die für die Bewohner organisiert werden. 4–5mal die Woche erhält er Physio- und Ergotherapie. Eine Ergotherapeutin rief mich sogar vor ein paar Tagen an um ein paar Fragen zu Samirs psychischer Verfassung zu stellen. Kann er Gefühle zeigen? Empfindet er überhaupt Trauer, Wut oder Freude? Allein das Interesse zeigt, dass die Bewohner dort als Menschen behandelt werden. Und ja er kann Gefühle zeigen. Gefreut hat er sich zum Beispiel auch ganz besonders über das freie Wlan.

Familie

Als ich ihn besuchte, begleiteten mich meine Frau und meine Kinder. Es ist mir wichtig, dass sie sehen, dass es Menschen gibt, die im Rollstuhl sitzen, oder anders benachteiligt sind. Früh möchte ich ihnen vermitteln, dass auch dies zu unserer Gesellschaft gehört und wir ihnen mit Respekt und Achtung begegnen können und müssen. Und weil Samir seine Nikolaus-Schokolade mit ihnen teilte und bei ihm auch noch ein Zeichentrickfilm im Zimmer lief, wollten die Kleinen gar nicht mehr gehen.

Samir freute sich die Kinder zu sehen. Ich habe oft gemerkt, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen so wie auch die Menschen im Altenheim beim Anblick kleiner Kinder förmlich aufzublühen scheinen. Meiner Frau zeigte Samir ein Bild seiner beiden Kinder, die weiter in einem Flüchtlingslager in der Türkei ausharren müssen und das, obwohl sie berechtigt wären nach Deutschland zu kommen. Doch sie haben keine Pässe und an diese zu kommen, ist nicht einfach, auf jeden Fall sehr kostspielig, wenn nicht fast unmöglich. Samirs Onkel, der in Damaskus lebt, versprach uns die Pässe dort zu beantragen. Wir schickten ihm das Familienbuch per Post zu. Es kam nie an. Also schickten wir ihm 600 €, damit er dieses neu ausstellen lassen sollte. Das Geld sammelte ich über einen kleinen Spendenaufruf. Immer wieder vertröstete er uns, da die Lage in Damaskus immer unsicherer wurde. Nach mehreren Monaten kam das Familienbuch per Post überraschenderweise zurück zum Absender nach Deutschland. Der Onkel wollte sich auf einmal nicht mehr um die Papiere kümmern und schickte uns das Geld auf Umwegen abzüglich der Gebühren zurück. Wir sind in der Hinsicht also wieder am Anfang. Vor einigen Wochen führte ich ein Gespräch mit Handicap International und bat dort um Unterstützung. Sie versprachen mir, sich mit dem Fall zu befassen. Noch warten wit auf ein Feedback. Es fällt einem jedoch schwer die Hoffnung aufrecht zu halten.

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