Tag 13: Braunau / Simbach

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Sonntag, der 25.10.2015.

Eigentlich wollte ich einen ruhigen Samstagabend verbringen und etwas früher schlafen gehen. Jedoch kam gegen 23 Uhr die Information, dass in Dornach 900 Flüchtlinge erwartet werden. Ich nahm mir also vor, nach Dornach zu fahren. Kurz darauf wurde mir von einem anderen Helfer vorgeschlagen, nach Braunau an die deutsch-österreichische Grenze zu fahren. Hintergrund war, dass dort ca. 2000 Flüchtlinge angekommen sind, die alle nach Deutschland wollen und die Helfer vor Ort sehr unter Druck standen. Nach kurzem Zögern fuhr ich mit dem Helfer an die Grenze, da es dort wohl keinen arabischen Dolmetscher gab. Als wir gegen zwei Uhr ankamen, hatte sich die Situation jedoch entspannt. Ich habe lange überlegt, ob ich für diesen Tag überhaupt einen Artikel schreiben soll, da mir niemand etwas erzählt hat. Ich habe mich schließlich entschieden, ein paar Zeilen zu der Situation vor Ort zu schreiben.

Es spielt sich alles an dem Grenzübergang Braunau – Simbach ab. Als wir ankamen, war die Brücke für den Verkehr gesperrt. Tagsüber – so wurde mir gesagt – fuhren auf der Brücke noch Autos.Gesperrte Brücke

Ziemlich genau in der Mitte der Brücke gab es eine Polizeisperre. Vor der Sperre saßen, standen und lagen ca. 200 Flüchtlinge, die darauf warteten, die Sperre passieren zu dürfen. Die Flüchtlinge waren größtenteils in weiße Papierdecken oder in goldfarbene Rettungsdecken eingehüllt. Als ich durch die Reihen schaute, bemerkte ich mehrere kleine Kinder. Sie lagen in Decken eingepackt auf dem Boden und schliefen. Die Nacht war kalt. Es war drei Grad kalt. Auf der Brücke waren die Temperaturen noch niedriger.

Situation 1

In der Mitte der Brücke steht ein Junge. Er schaut verunsichert zu der anstehenden Menschenmenge. Ein Mann – ich vermute, es ist sein Vater – steigt über die Absperrung, die die Wartenden von der Straße trennt und geht mit ihm zu dem gegenüberliegenden Brückengeländer. Der Mann hilft dem Kind, seine drei übereinandergestülpten Hosen zu öffnen. Er bittet ihn, über das Geländer in den Fluss zu urinieren.

Situation 2

Ein Mann ruft mich und fragt, ob ich arabisch spreche. Ich bejahe. Darauf sagt er: „Mein Bruder hier ist krank. Er muss behandelt werden. Wir brauchen dringend einen Arzt.“ Er zeigt dabei auf einen teilnahmslosen Mann neben sich, der in eine goldfarbene Decke eingewickelt ist.

„Was hat er denn?“, frage ich.

„Er hat eine Nierenkrankheit und braucht eine Dialyse.“

„Wann hatte er denn seine letzte Dialyse?“

„Vor zwei Tagen in Kroatien.“

Eine Helferin möchte überprüfen, ob diese Geschichte stimmt und fragt, wo er die Dialyse hatte. Der kranke Mann kommt zu uns und hebt wortlos seinen Ärmel. Zum Vorschein kommen zwei große Pflaster. Als er mir näher kommt, fallen mir seine gelblichen Augen auf. Er zittert am ganzen Körper. Ich frage mich, ob das Zittern von der Kälte oder von der fehlenden ärztlichen Behandlung kommt.

„Wie oft musst du normalerweise zur Dialyse?“

„Drei Mal in der Woche. Es wird langsam dringend.“, antwortet sein Bruder an seiner Stelle.

In dem Moment läuft ein Sanitäter vom österreichischen roten Kreuz an uns vorbei. Ich spreche ihn auf die Situation an. Er sagt zu mir: „Ja, ich weiß schon Bescheid. Ich war vorhin mit ihm im Krankenhaus. Der Arzt, der ihn untersucht hat, hat ihn wieder weggeschickt und gesagt, dass er sich in Deutschland behandeln lassen soll. Wenn ich ihn jetzt wieder ins Krankenhaus bringe, dann schickt er ihn sowieso wieder weg.“

Ich gehe zur Polizei an der Absperrung und erkläre den deutschen Polizisten die Situation. Einer von ihnen sagt zu mir: „Wenn es so eilig ist, dann soll er doch in Österreich in das Krankenhaus gehen.“ Ich versuche zu erklären, was mir der Sanitäter erzählt hat, stoße jedoch nur auf Gleichgültigkeit.

Ich schreibe auf ein Blatt Papier, welche Krankheit der Mann hat und wann er die letzte Dialyse gemacht hat. Daraufhin sage ich zu dem Mann: „Gib dieses Papier einem Sanitäter, sobald ihr in Deutschland angekommen seid. Wenn kein Sanitäter da ist, dann bitte einen Helfer die 112 anzurufen.“

Situation 3

Ein Mann erzählt mir, dass er seit fünf Stunden in der Schlange steht und mit seiner Familie unterwegs war. Irgendwann ist er eingeschlafen. Während er schlief, wurden wieder Leute auf die deutsche Seite gelassen. Die Leute stiegen einfach über ihn hinweg. Seine Familie zog, in dem Glauben, dass er vor ihnen war, weiter. Nun sind sie getrennt. Er hofft, dass er sie wieder finden wird, bevor sie in einem Bus weitergebracht werden.

Situation 4

Während wir warten, bricht ein Streit aus. Zwei junge Männer wollen mitten in der Reihe über die Absperrung steigen. Eine syrische Frau schimpft und fordert sie auf, sich hinten anzustellen. Sie hält die beiden Männer für Afghanen. Die Zwei versuchen weiterhin, über die Absperrung zu gelangen. Ein syrischer Mann versucht, sie davon abzuhalten. Das Ganze geschieht zehn Meter vor der deutschen Grenze. Die deutsche Polizei schaut zu. Zu diesem späten Zeitpunkt gibt es auf der österreichischen Seite der Brücke weder Ordner, noch Helfer, noch Polizei. Die Situation spitzt sich weiter zu. Ich gehe dazwischen und bitte die beiden jungen Männer zurückzutreten und den syrischen Mann, sich zu beruhigen. Ich sage ihnen: „Wenn ihr euch jetzt nicht beruhigt, dann werden sie da niemanden mehr durchlassen. Also beruhigt euch bitte sofort. Das Ganze lässt sich klären.“ Die Drohung zeigt sofort Wirkung. Die beiden Männer – in Wirklichkeit Iraner und keine Afghanen – erklären mir, dass sie nur zurück in die Stadt gegangen sind, um auf die Toilette zu gehen. Jetzt wollten sie zurück zu ihrer Schwester, die in der Schlange gewartet hat.

Der syrische Mann sagt: „Das stimmt nicht! Sie waren im Camp und haben geschlafen, während wir hier die ganze Zeit in der Kälte standen.“

Ich bitte die zwei jungen Iraner, auf meiner Seite der Absperrung zu bleiben, bis die Polizei die nächsten Menschen die Absperrung passieren lässt. Einer der Iraner sagt zu mir: „Wir möchten nicht randalieren, wir sind mit unserer Schwester unterwegs und mussten nur auf die Toilette.“

Situation 5

Die Polizei sagt mir, dass sie in den nächsten Minuten alle restlichen Wartenden über die Grenze lassen werden. Sie bitten mich deshalb, die Menschen aufzufordern, sich ruhig zu verhalten. Die Flüchtlinge fordern sich gegenseitig auf, nicht zu drücken und geordnet weiter zu gehen. Ein Mann weckt seine drei Kinder. Ich schätze, sie sind zwischen 5 und 9 Jahre alt. Die Kinder haben schmutzige Gesichter. Das Jüngste weint, weil es weiterschlafen will und wirft sich wieder auf den Boden.

Dann öffnet die deutsche Polizei die Absperrung und die Menschen gehen geordnet voran. Auf einmal sehe ich, wie ein Polizist einen Mann harsch zurückweist und ihn dann sehr grob nach hinten drückt. Ich erkenne, dass es sich um den nierenkranken Mann handelt. Sie nehmen ihn aus der Reihe und sagen ihm, dass er nicht durchkommt. Ich gehe dazwischen und sage dem Polizisten, dass der Mann schwer krank ist. Er antwortet: „Er hat ein Kind geschubst. Daher ist es mir egal, ob er krank ist. Dafür habe ich kein Verständnis.“ Der Mann ist verunsichert. Ich versuche, mit ihm zu reden. Jedoch stellt sich heraus, dass er nicht reden kann. Er macht den Eindruck, als würde er – zusätzlich zu seiner Nierenkrankheit – geistig behindert sein. Der Mann stammelt unverständliche Worte und zeigt ständig auf die andere Seite der Grenze. Ich sehe seine Familie, die ihn zu sich winkt. Ich verstehe, dass er befürchtet, zurückgelassen zu werden. Ich sage ihm: „Beruhige dich. Ich warte hier mit dir und bring dich zu ihnen.“ Als fast alle über der Absperrung sind, sperrt die Polizei die Grenze wieder ab. Es bleiben 16 Mann und der Kranke zurück. Ich gehe zu den Polizisten und versuche, mit ihnen zu reden. Einer der Polizisten sagt: „Lasst ihn noch rüber, er ist krank.“ Ein anderer Polizist stellt sich breitbeinig und mit verschränkten Armen vor den kranken Mann und sagt mit einer bedrohlichen Stimme: „Stop! Du bleibst stehen!“

Ich sage: „Hört zu. Ich weiß es ist Mist, dass er ein Kind geschubst hat, aber der Mann ist schwer krank und hat sich womöglich nicht im Griff. Außerdem habe ich den Eindruck, dass er behindert ist.“

Der Polizist starrt den Mann noch eine Weile an, tritt dann zur Seite und lässt ihn zu seiner Familie gehen.

Nachtrag zu Gespräch 5

Am 05.11.2015 erhalte ich über Facebook folgende Nachricht:

Hallo Karim! habe zufällig deinen Blogeintrag gelesen Tag 13: Situation Grenze Braunau/Simbach! ich war in dieser Nacht auch zufällig vor Ort und habe ein paar Videoaufnahmen gemacht, wo u.a. genau diese Situation drauf ist, die du in deinem Blog beschreibst, wo der Mann aus der Reihe gezogen wird von den Polizisten! (…) Vielen Dank für deinen Einsatz und deine detaillierten Beschreibungen! Lg

Ich bin fasziniert von dem Zufall und freu mich über die unerwartete Bestätigung meiner Erzählungen. Vor allem, da das irgendwann um drei Uhr nachts geschah. Man erkennt auf dem Video niemanden, deshalb entscheide ich mich es zu veröffentlichen. Danke an den Zeugen der Begegnung.

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12 Kommentare zu „Tag 13: Braunau / Simbach

  1. Danke, Karim, für Deine Berichte. Da gefriert einem das Blut in den Adern. Klingt alles so verdammt nach 1. Hälfte 20. Jahrhundert, was für’n Sch*!
    Caroline
    (Dolmetscherin und Helferin zweier Jahreszeiten (Winter und Sommer, wenn keine Dolmetschsaison ist) aus Berlin

  2. Momentan gehen ALLE an ihre Grenzen. Wir sehen immer nur einen Ausschnitt. Trotzdem denke ich dass es mit dem ganzen Menscheln unglaublich gut läuft. Was da alles gestemmt wird. Toll!!!! Lasst uns weiterhin positiv denken. Dann stecken wir damit vielleicht auch andere an 😉

  3. Danke für den Bericht. Trotzdem möchte ich eine Anmerkung dazu geben. Sie schreiben, dass es auf Österreichischer Seite keine Helfer und Ordner gab. Dazu möchte ich anführen, dass viele der Helfer auf der Simbacher Seite aus Braunau kommen und sich einige Braunauer Privatpersonen und Geschäftsleute zusammen getan haben und dort jeden einzelnen Tag gratis Essen verteilen. Davor gab es auf der Simbacher Seite überhaupt keine Hilfe….

    • Hallo Carina, die stelle wo ich sage, das es niemanden auf der österreichischen seite gibt bezog sich auf diesen Moment und ausschließlich auf die Brücke. Auf der deutschen Seite gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch die Polizei die dem Geschehen zuschauete. Ich wollte nur verdeutlichen, weshalb ich schlichtend eingegriffwn habe. Da dieser Satz allerdings fehlinterpretiert werden kann, habe ich ihn noch mal angepasst. Tut mir Leid, dass es zu einem Missverständniss kam und danke, dass Sie drauf hingewisen haben.

  4. Hallo, interessant erzählt …
    dass es allerdings auf österreichischer Seite keine „Hilfe“ gibt – muss ich dementieren.
    Mein Papa ist mittlerweile jede Nacht freiwillig im Einsatz, um dem Roten Kreuz in den Notunterkünften zu helfen.
    Wenn pro Nacht 13-17 Busse, vorwiegend alle nacheinander, in Braunau ankommen, gibt es mehr als genug zu tun.
    Die Flüchtlinge werden mit Essen/Gerränken und frischer Kleidung ausgestattet, und einige nutzen die Räumlichkeiten auch um zu schlafen.
    Der Grossteil allerdings steigt aus dem Bus, und marschiert gleich zur Grenze – um ja schnell in Deutschland zu sein.
    Begleitung auf der Brücke gibt es wohl nur deshalb nicht (mehr), weil man als Österreicher sofort der Schlepperei bezichtigt wird …
    Und wie Carina vor mir schon schrieb, viele Österreicher arbeiten auf dt. Seite – ansonsten gäbe es nur „Abtransporte“

    • Hallo Manu, die stelle wo ich sage, das es niemanden auf der österreichischen seite gibt bezog sich auf diesen Moment und ausschließlich auf die Brücke. Auf der deutschen Seite gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch die Polizei die dem Geschehen zuschauete. Ich wollte nur verdeutlichen, weshalb ich schlichtend eingegriffwn habe. Da dieser Satz allerdings fehlinterpretiert werden kann, habe ich ihn noch mal angepasst. Tut mir Leid, das es zu einem Missverständniss kam und danke dass du drauf hingewisen hast.

  5. Carina,

    er schrieb, Zitat:“Zu diesem späten Zeitpunkt gibt es auf der österreichischen Seite der Brücke weder Ordner, noch Helfer, noch Polizei.“

    Er hat nicht gesagt das es gar keine Helfer mehr gab. Schön das die Braunauer sich zusammentun und helfen. So muss es sein.

    Es wäre gut wenn man manches zweimal liest, bevor man jemanden korrigiert. 🙂
    Ist nicht böse gemeint.

    Ich finde es toll was all die Menschen auf die Beine stellen.

    • Hallo Ricarda, ich habe die Textstelle heute früh bereits angepasst. Anfangs war es in der Tat etwas missverständlich. Von daher hat Carina durchaus Recht mit ihrem Hinweis. Entschuldigung wegen der Verwirrung.

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