Tag 29: ZOB

Montag, der 11.1.2016.

Für die Schicht von 22 bis 0 Uhr fehlten wieder einige Helfer. Ich trug mich deshalb nachmittags in das Tool der ZOB-Angels ein und machte mich am Abend auf den Weg zur Hackerbrücke. Es war sehr kalt und ich war froh, dass ich mir ein paar Wochen zuvor Schneestiefel gekauft habe. Als ich ankam, waren doch genug Helfer vor Ort. Der Abend war zwar ruhig, dennoch konnte ich einige interessante Gespräche führen.

Begegnung 1

Ich komme schnell mit einem jungen Libyer ins Gespräch. Ich erkenne seine Herkunft an seinem Dialekt. Der libysche Dialekt unterscheidet sich nur minimal vom tunesischen. Je näher man der libyschen Grenze kommt, desto ähnlicher hören sich die Menschen an. Nachdem wir uns ein bisschen über die Situation in Deutschland unterhalten haben, frage ich ihn, welchem Beruf er früher in Libyern nachging.

„Mechanik“, antwortet er knapp.

„Hast du Autos repariert?“, vermute ich.

„Nicht nur. Alles was mit Mechanik zu tun hat. Autos, LKW’s, Maschinen.“, erzählt er stolz und fährt fort: „Ich hatte sogar drei Lastwagen und habe Handel getrieben. Ich war damit auch viel in Tunesien unterwegs.“

Er schweigt schaut vor sich ins Leere. Dann klatscht er in die Hände, als wolle er Staub von ihnen wischen und fügt hinzu: „Alles ist weg. Alles verbrannt.“

„Wie ist das passiert?“

„Sie haben uns beschossen und verjagt.“

„Wen meinst du mit ’sie‘?“

„Fajr Libya (Morgendämmerung Libyens).“

„Sind das die von General Haftar?“, frage ich.

„Nein, Haftar gehört zur Karama (Würde). Sie haben uns mit Waffen ausgestattet. Wir haben uns in die Berge zurückgezogen und um unser Land gekämpft.“

„Wo habt ihr in den Bergen gewohnt? Gibt es dort Dörfer?“

„Nein, wir haben unter freiem Himmel gelebt.“

„Hattet ihr nichtmal ein Zelt?“

„Wir haben abwechselnd in einem Auto geschlafen. Mehrere Monate lang. Wir haben gekämpft bis mein Bruder neben mir gefallen ist. Ich habe ihn mit meinen eigenen Händen begraben.“ Als er das sagt, fixiert er mich.

Meistens frage ich in solchen Situationen nicht weiter. Ich habe zu großen Respekt vor dem Schmerz der Menschen und reiße ungerne Wunden auf. Diesmal war es anders. Vielleichte habe ich es mir auch nur eingebildet, aber er schien auf die nächste Frage zu warten. Also frage ich diesmal weiter: „Wie ist er gefallen?“

„Es war ein Scharfschütze.“, sagt er beiläufig. Dann fährt er fort: „Wir haben meine Eltern vorher in eine sichere Region hinter den Bergen geschickt. Als mein Vater von dem Tod seines Sohnes gehört hat, machte er sich auf den Weg, um ihn zu begraben. Doch er wurde unterwegs festgenommen. Mehrere Monate lang. Erst durch die Einmischung des ‚Roten Halbmondes‘ kam er wieder frei.“

„Warum hast du dich letztendlich auf den Weg nach Europa gemacht?“

„Ich war schon früher als Tourist hier, ich wollte jedoch nie hier leben. Aber was blieb mir anderes übrig? Wir kämpften, bis wir unser Land zurückeroberten. Meine Eltern kehrten zurück, doch alles war verbrannt. Als meine Mutter kam, sagte sie vorwurfsvoll zu mir: ‚Wie konntest du meinen Sohn begraben, ohne dass ich ihn noch ein letztes Mal sehen konnte?'“ Er schaut mit versteinerter Miene in die Ferne und sagt dann: „Als sie das zu mir sagte, konnte ich nicht mehr bleiben. Ich nahm, was mir blieb und machte mich auf den Weg.“

Ich erahne das Familiendrama, die Zerrissenheit und die Enttäuschung und entscheide mich, auf ein anderes Thema zu lenken, das sich jedoch als nicht weniger dramatisch entpuppt: „Wie war die Überfahrt?“

„Unser Boot ist gesunken und mit ihm sind 270 Menschen ertrunken.“

„Oh Gott. Wie viele waren in dem Boot?“

„Es waren um die 600 Leute.“

„Und wie wurdet ihr gerettet?“

„Wir mussten lange im Wasser schwimmen. Ich habe sogar einer Frau geholfen, die nicht schwimmen konnte. Dann kam ein Schiff. Ich weiß nicht, ob es ein deutsches oder ein holländisches Schiff war. Sie haben uns bis nach Italien gebracht.“

„Wurdet ihr in Italien registriert?“

„Nein, wir konnten einfach ohne Nachfrage weiter nach Deutschland reisen.“

Begegnung 2

Ein junger Mann mit langem, gleichzeitig jedoch schütterem Haar – er erinnert mich ein bisschen an Guildo Horn – stellt sich zu uns und zündet sich eine Zigarette an. Dabei hält er in einer Hand einen Becher Kaffee. Er trägt eine Lederjacke. Zunächst halte ich ihn für einen deutschen Helfer. Doch dann fragt er mich mit syrischem Dialekt auf arabisch: „Wo sind hier die Toiletten?“

„Gleich da vorne.“, antworte ich. „Du musst hinter den gelben Briefkästen nach links um die Ecke. Du kannst es nicht übersehen. Allerdings brauchst du 50 Cent.“

Er beugt sich zu mir und sagt beinahe flüsternd: „Meinst du, da ist Polizei, die uns aufgreifen könnte?“

„Ich kann dir keine Garantie geben, aber ich glaube eher nicht. Ich habe noch nie gesehen, dass sie jemanden vor den Toiletten abgefangen haben.“

Er schüttelt den Kopf und sagt: „Es ist schlimm, aber die anderen Syrer warnen einen überall vor allem. Man steht ständig unter Strom und wird mit der Zeit paranoid.“

„Fährst du heute mit einem Bus weiter?“, frage ich.

„Nein, ich warte auf ein paar Freunde, die hier ankommen werden. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Weg nach Norwegen. Ich will nach Oslo.“

„Was willst du denn dort? Da ist es ja noch kälter als hier.“

„Ich bin Tätowierer. Ich will dort in einem Studio arbeiten.“

„Und warum ausgerechnet in Norwegen?“

„Ich habe auch überlegt, ob ich nach Amsterdam gehen soll, aber in Holland wird mir zu viel gekifft.“ Er grinst breit, zeigt auf seinen Becher und sagt dann noch: „Meine Droge ist Kaffee. Mehr brauch ich nicht.“

Begegnung 3

Eine Gruppe Männer (zwei Iraker und zwei Syrer) warten auf einen Bus Richtung Stuttgart. Später kommt einer der Iraker mit einer weinenden Frau zu mir und sagt:

„Diese Frau will zu ihrem Bruder, der in Stuttgart in einem Camp ist. Sie weiß aber nicht, wie sie dorthin kommen soll, da sie ihn telefonisch nicht erreichen kann. Sie müsste in den gleichen Bus wie wir. Kannst du uns helfen, das Ticket zu kaufen?“ Als er das sagt, hält er mir sein Ticket hin.

Ich winke mit den Händen und sage: „Ich darf dieses Ticket nicht anfassen, sonst kann man mich als Schleuser beschuldigen. Da gab es hier schon Probleme mit der Polizei. Deshalb darf ich jetzt eigentlich auch nicht mit euch in das grüne Büro da vorne gehen und für euch das Ticket an den Schalter halten.“

Der Iraker und die Frau gehen alleine ins Büro und kaufen für die Frau ein weiteres Ticket für 9,00 Euro. Während der ganzen Zeit spricht die Frau kein Wort mit mir, sondern lässt jedes Mal, wenn ich etwas frage, den Iraker für sie sprechen.

Später treffe ich sie erneut an und frage, ob sie mittlerweile ihren Bruder erreichen konnte. Wieder dreht sie sich zu dem Iraker und diesmal höre ich, wie sie etwas mit einem nordafrikanischen Akzent sagt.

Mit den Syrern und Irakern spreche ich meistens ein Gemisch aus syrischem Dialekt und hocharabisch, damit sie mich verstehen. Überrascht sage ich zu ihr in tunesischem Dialekt: „Sag mal, du bist doch Marokkanerin oder?“

Ebenso überrascht wie ich, schaut mich die Frau an und sagt: „Algerierin.“

„Warum redest du dann nicht direkt mit mir? Warum lässt du einen Iraker übersetzen? Ich bin Tunesier.“

Algerien und Tunesien sind Nachbarländer und unsere Dialekte ähneln sich sehr.

Ihre anfängliche Überraschung geht in ein erleichtertes Lachen über und sie sagt: „Weil du dich so syrisch angehört hast und ich dachte, du wirst mich sowieso nicht verstehen.“ Der Iraker und die anderen im Raum amüsieren sich auch über die Situation.

„Ich passe meinen Dialekt immer etwas an, weil die Syrer und Iraker mich sonst nicht verstehen würden.“, erkläre ich ihr.

Nun, als die Frau gemerkt hat, dass sie sich frei mit mir unterhalten kann, kommt sie auf mich zu und sagt: „Bruder, ich habe eine Frage. Bei der Registrierung im Camp, als wir in Deutschland angekommen sind, habe ich denen gesagt, dass ich Algerierin bin. Derjenige, der mich registriert hat, hat gesagt: ‚Ab heute bist du Syrerin.‘ Er hat das auf einen Zettel geschrieben und mich weggeschickt. Ist das normal? Kann ich deshalb Probleme bekommen?“

Ich schaue sie ungläubig und mit großen Augen an und sage: „Einfach so? Warum hat er das gemacht?“

Sie zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich weiß es nicht. Einfach so.“ Der Iraker neben ihr nickt mit dem Kopf, als wolle er ihre Schilderung stützen.

„Ich habe zwar schon gehört, dass sich Marokkaner als Syrer ausgeben, aber dass deutsche Beamte Algerier zu Syrern machen, ist mir neu.“

Wir unterhalten uns eine Weile über Papiere und Asylverfahren und kommen dann irgendwann auf ihre Flucht.

„Warum bist du eigentlich aus Algerien geflohen?“

„Ich hatte Probleme in der Familie. Es gab immer Ärger. Das habe ich jetzt nicht mehr ertragen. Mein Bruder ist bereits in Deutschland, daher habe ich mich auf den Weg zu ihm gemacht.“

„Auf welchem Weg bist du hergekommen?“

„Ich bin in ein Flugzeug Richtung Türkei gestiegen. Und von dort aus kam ich mit einem Schlauchboot Richtung Europa.“

„So wie die Syrer?“

„Genau. So wie die Syrer.“

Begegnung 4

Während wir auf den Bus Richtung Stuttgart warten, komme ich ins Gespräch mit dem Iraker, der zuvor der Algerierin geholfen hat. Ich frage ihn, woher er kommt.

„Aus dem Irak. Aus Bagdad.“

„Warum bist du geflohen?“

„Überall sind Milizen und ständig werden Menschen getötet. Das ist dort kein Leben mehr. Vor zwei Monaten wurde mein großer Bruder ermordet.“

„Gott sei ihm gnädig und schenke dir Geduld.“, sage ich. Wir stehen eine Weile schweigend nebeneinander, dann frage ich vorsichtig: „Darf ich dir eine Frage stellen? Eigentlich ist es mir egal; ich versuche nur zu verstehen. Bist du Sunnit oder Schiit?“

„Ich bin Sunnit.“

„Wurde dein Bruder von einer schiitischen Gruppe ermordet?“, frage ich.

Er zuckt mit den Schultern und sagt: „Keine Ahnung. Kann sein, muss aber nicht.“

„Spielt das keine Rolle dort? Ich meine, warum haben sie ihn denn getötet?“

„Er war Friseur. Sie haben ihn ein paar Mal gewarnt, weil seine Frisuren zu westlich waren, doch ihm war das egal. Er hat die Warnungen ignoriert. Dann haben sie ihn und seine Freunde getötet.“

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