Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Tag 48: BAMF – Dolmetscher-Chaos

Vor einigen Wochen habe ich ein syrisches Paar zur zweiten Anhörung im BAMF begleitet. Dank eines Hinweises von Helfern der Refugee Law Clinic erfuhr ich, dass Flüchtlinge sich von Vertrauenspersonen begleiten lassen können. Ebenfalls anwesend war eine Jurastudentin, die das Ehepaar zu den rechtlichen Fragen berät und sich in der Refugee Law Clinic engagierte.

Wir trafen uns um 7:30 Uhr vor dem BAMF. Dort registrierte ich mich als Begleiter. Die Registrierung verlief problemlos und dauerte nicht besonders lange. Ins Auge gefallen ist mir der erbärmliche Zustand der mit verdreckten Teppichboden ausgelegten Einrichtung. Die Angestellten des BAMF, die sich um die Anmeldung kümmerten, waren jedoch sehr nett.

Nach kurzer Wartezeit wurden wir aufgerufen und begaben uns in ein weiteres Wartezimmer im dritten Stockwerk. Auch hier sah das Wartezimmer trostlos und dreckig aus. Kurz darauf wurden wir in ein Büro gebracht. Der Beamte, der uns in Empfang nahm, war anfangs verwundert über die beiden Begleiter, akzeptierte unsere Anwesenheit jedoch ohne Einwände.

Überhaupt war der Beamte sehr zuvorkommend und höflich, obwohl ich ihn noch auf eine harte Probe stellen sollte. Aber dazu später mehr.

Während wir Platz nahmen, kam auch schon der Dolmetscher. Es war ein junger Mann mit Rucksack. Er sah aus, wie ein Student, ob er ein vereidigter oder wenigstens professioneller Dolmetscher war, weiß ich nicht. Er war syrischer Kurde, erschien etwas schüchtern und dennoch sehr nett.

Das Gespräch bestand aus drei Teilen. Erst wurden die Personalien festgestellt, dann gab es Sicherheitsabfragen und schließlich kam der wichtigste Teil mit den Fragen zu den Asylgründen.

Der Beamte stellte die Fragen, der Dolmetscher übersetzte sie und übersetzte dann die Antworten zurück ins Deutsche. Währenddessen saß ich neben der Jurastudentin auf einem Stuhl neben der Tür und folgte aufmerksam dem Interview. Auch wenn ich als Vertrauensperson zugelassen war, so sollte ich mich vollkommen aus dem Geschehen raushalten.

Das gelang mir jedoch nicht besonders lange.

„20 Tage sagte er. Nicht 10 Tage.“, unterbrach ich den Dolmetscher auf Deutsch und korrigierte seine Übersetzung. Aufgeschreckt und mit großen Augen schaute mich dieser an, als ihm klar wurde, dass ich Arabisch spreche. Er fragte erneut, wie lange das Paar in der Türkei verweilte und korrigierte dann seine ursprüngliche Übersetzung.

Das Gespräch ging weiter. Ich hörte weitere fehlerhafte Übersetzungen, sagte jedoch nichts, da sie  unbedeutend waren. Auch wenn ich diese Fehler als inakzeptabel empfand, so wollte ich mein Pulver nicht mit unbedeutenden Diskussionen verschießen.

Es kam die Frage nach der Finanzierung der Reise. Der Mann erzählte: „Ich baute einen Teil meines zerstörten Hauses wieder auf und verkaufte den aufgebauten Teil.“

Der Dolmetscher übersetzte: „Er hat sein Haus verkauft.“

Wieder korrigierte ich den Dolmetscher und sagte, dass ein Teil des Gesagten fehlte.

Er antwortete: „Der Rest ist irrelevant und ich übersetze nur das, was sich auf die Frage bezieht.“

Ich antwortete: „Das ist nicht irrelevant. Er erzählt euch hier, dass sein Haus zerstört wurde und dann wird im Protokoll festgehalten, dass er es verkauft hat. Das kann man im Nachhinein auch so interpretieren, dass seine Geschichte inkohärent ist. Sie sind hier zum Dolmetschen und nicht um zu entscheiden was relevant ist und was nicht.“

Der Beamte hörte sich unsere Diskussion aufmerksam an und notierte die ganze Antwort.

Das Interview ging weiter. Diesmal ging es um die Fluchtgründe. Die Übersetzungen des Dolmetschers waren passabel, jedoch wurden viele Antworten verkürzt wiedergegeben. Mehrere kleine Übersetzungsfehler überhörte ich, wieder um mich nicht in unbedeutende Diskussionen zu verwickeln. Dann kam die Frage zu dem Auslöser der Flucht.

„Eine Granate ist auf sein Haus gefallen.“, sagte der Dolmetscher.

„Eine Fassbombe.“, warf ich empört ein. „Eine Fassbombe sagte er, nicht eine Granate. Das ist ein riesiger Unterschied. Eine Granate lässt vielleicht die Scheiben eines Gebäudes bersten, eine Fassbombe zerstört ein ganzes Viertel.“

Der Beamte fragte den Dolmetscher erneut und dieser korrigierte seine ursprüngliche Angabe.

Dann wurde das Paar gefragt, was passieren würde, wenn sie zurück nach Syrien gehen würden. Die Frau erzählte, dass es dort unsicher wäre und dass ein Tag zuvor Flugzeuge vier Raketen auf ihre Stadt abgefeuert haben. Der Dolmetscher übersetzte: „Vier Granaten sind in unsere Stadt gefallen.“

„Er sagte Raketen, nicht Granaten.“, warf ich erneut ein.

„Hubschrauber schießen doch keine Raketen ab.“, sagte er und grinste dabei, als hätte ich etwas besonders dummes gesagt.

„Er hat ja auch Flugzeuge gesagt und nicht Hubschrauber. Und Flugzeuge schießen sehr wohl Raketen ab. Und die Zerstörung, die durch Raketen verursacht werden, ist nun mal nicht mit Granaten zu vergleichen. Das ist wichtig. Außerdem sollen sie übersetzen, was er gesagt hat und er hat Raketen gesagt.“

Der Beamte fragt den Dolmetscher was der Syrer gesagt hat. Dieser sagt zerknirscht: „Er hat Raketen gesagt“ und fügte dann aufgebracht hinzu: „So kann ich nicht arbeiten, wenn er immer dazwischen redet.“

„Dann machen Sie ihre Arbeit richtig. Ich würde ja nichts sagen, wenn da nicht ständig etwas falsch wäre oder fehlen würde.“

Der Dolmetscher drehte sich hilfesuchend zum Beamten. Dieser schaut mich an und sagte: „Eigentlich müssen sie sich als Begleiter aus dem Geschehen heraushalten.“

„Ich würde das ja gerne tun. Aber was soll ich denn machen, wenn ich hier höre, dass Sachen falsch übersetzt werden oder fehlen. Irgendwie muss ich das doch melden können. Alles was ich beanstandet habe, wurde von ihnen aufgenommen, das heißt es war alles begründet. Soll ich es am Ende schriftlich machen? Nennen sie mir einen Weg und ich richte mich danach.“

Der Beamte schaute mich nachdenklich an und sagte: „Sagen sie es ruhig gleich.“ und setzte das Interview fort.

Es kamen weitere mangelhafte Übersetzungen, bei denen ich jedoch nicht eingeschritten bin, weil sie nicht so wichtig waren oder später durch die weitere Befragung geklärt wurden. Einmal wurde die Frau gefragt, was sie in Syrien befürchtet. Sie sagte, dass sie manchmal, wenn sie in Deutschland ein Flugzeug vorbeifliegen hörte, erschrak und in Panik geriet. Der Dolmetscher übersetzte: „Manchmal träumt sie von Flugzeugen.“

Dann sagte sie, sie sehe bis heute ihre Verletzung, das Blut und die offene Wunde. Der Dolmetscher übersetzte: „Sie sieht Fleisch.“

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her, biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf.

Dann fragte der Beamte, wovor sie Angst haben würde, wenn sie heute zurück nach Syrien gehen würde. Sie sagte: „Ich hätte Angst um meinen Mann und ich hätte Angst vor den Bombardierungen der Flugzeuge.“

Der Dolmetscher übersetzte kurz: „Sie hat Angst um ihren Mann.“

Der Beamte fragte explizit nach: „Hat sie keine Angst dort getötet zu werden?“

Der Dolmetscher sagte: „Nein, nur um ihren Mann hat sie Angst.“

Hier konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und sagte: „Das stimmt doch wieder nicht. Sie sagte, dass sie Angst vor den Bombardierungen der Flugzeuge hat. Wie können Sie sagen, dass sie keine Angst vor dem Tod hat.“

„Sie sagte, dass sie Angst vor Flugzeugen hat, sie sagte nicht, dass sie Angst vor dem Tod hat.“, versuchte er sich zu verteidigen.

„Nein, das ist nicht was sie gesagt hat. Sie sagte, dass sie Angst vor den Bombardierungen der Flugzeuge hat. Ich denke, das ist ganz eindeutig eine Todesangst. Und wenn sie das nicht verstehen, dann fragen sie sie doch noch mal direkt, ob sie Angst vor dem Tod hat.“

Der Dolmetscher fragte die Frau, ob es denn heißt, dass sie dort Angst vor dem Tod hat.

Verwundert schaute sie ihn an und sagte: „Natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Was denkst du, bringen Bomben und Flugzeuge dort denn sonst?“

Nach anderthalb Stunden war das Gespräch zu Ende. Ich bedankte mich bei dem Beamten für seine Geduld und entschuldige mich, dass ich so oft dazwischengeredet habe. Er sagte: „Das war in Ordnung, es war ja auch sehr informativ.“

Ich ging auch noch mal zu dem Dolmetscher und erklärte ihm, dass er meine Einwände nicht persönlich nehmen sollte, dass er aber in seiner Arbeit genau sein muss und dass es nicht seine Entscheidung ist, was wichtig ist und was nicht.

Eigentlich verlief der Termin sehr gut. Alle Unklarheiten wurden behoben und das Paar hat gute Chancen, dass ihr Antrag auf Asyl genehmigt wird. Dennoch stimmte mich dieses Interview sehr nachdenklich. Die Unzulänglichkeiten des Dolmetschers waren aus meiner Sicht gravierend. Die meisten Flüchtlinge kommen zu diesen Terminen ohne eigene Dolmetscher und sind dem von der BAMF gestellten „ausgeliefert“. In unserem Fall war der Dolmetscher einfach ungenau und vielleicht inkompetent. Mir wurde jedoch auch von Dolmetschern berichtet, die auf Grund ihrer politischen Einstellung oder ethnischen Zugehörigkeit Aussagen von Flüchtlingen in Frage stellten oder diese unter Druck setzten.

Professionelle Dolmetscher auch nicht besser

Das Ganze erinnerte mich an ein anderes Ereignis. Eine Helferin kontaktierte mich über Facebook und bat mich bei der Übersetzung einer Heiratsurkunde zu helfen. Dieses Dokument wurde dringend für einen Antrag auf Familienzusammenführung benötigt und wurde bereits durch einen vereidigten Übersetzter übersetzt. Die Übersetzung wurde jedoch durch die deutsche Botschaft abgelehnt.

Eigentlich übersetze ich keine Dokumente, weil ich dafür keine Zeit habe und auch gar nicht vereidigt bin. In diesem Fall stimmte ich jedoch zu. Ich erhielt das Original und die abgelehnte Übersetzung.

Schnell wurde mir der Grund der Ablehnung klar. Die Übersetzung enthielt nur die wichtigsten Angaben, wie Name, Datum, Geburtsdatum und Adressen. Alles andere wurde einfach weggelassen. Unter den fehlenden Angaben, waren Namen der Richter, Namen der anwesenden Zeugen und Gerichtshelfer, Angaben zur Höhe und Natur der Mitgift und zu den Stempeln.

Ich übersetzte das Dokument, ein vereidigter Übersetzer prüfte es und setzte seine Unterschrift darunter und das Dokument wurde nachgereicht. Tage später erhielt ich die Info, dass der Antrag angenommen wurde und die Frau zu ihrem Mann nach Deutschland durfte.

Schon damals wunderte ich mich über die schlechte Qualität der Übersetzung. Und ich denke, dass das ein sehr großes und verbreitetes Problem ist.

Ich weiß nicht, wie man das lösen kann. Aber ich denke, dass gerade das BAMF die Dolmetscher besser überprüfen und diese speziell schulen sollte. Auch sollte es ein uneingeschränktes Recht jedes Flüchtlings sein, einen eigenen Dolmetscher mitzubringen und diesem sollte es erlaubt sein, jederzeit einen Einspruch gegen fehlerhafte Übersetzungen einzubringen, ohne dass dies vom Wohlwollen des Beamten abhängt.

Epilog

Kurz nach dem Termin bei der BAMF sah ich eine Anzeige, in der dort Dolmetscher gesucht wurden. Ich schrieb an die in der Anzeige hinterlegte Emailadresse folgendes:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Deutsch- und Arabischmuttersprachler interessiere mich für die Tätigkeit eines Dolmetschers beim BAMF. Leider habe ich keine Ausbildung zum professionellen Dolmetscher und kann auch keinerlei professionelle Erfahrung in dem Bereich nachweisen.

Gibt es hier Voraussetzungen, die ich erfüllen muss? Zum Beispiel eine Ausbildung oder Studium? Muss ich vereidigt werden?

Werde ich bei Ihnen geschult? Wenn ja in welchem Umfang?

Wie stellen Sie sicher, dass ich meine Arbeit auch richtig mache?

Gibt es die Möglichkeit Teilzeit zu arbeiten?

Mit freundlichen Grüßen

Karim Hamed

 

Einen Tag später kam auch schon eine Antwort:

Es gibt keine Voraussetzungen! Sie sollten die deutsche Sprache sehr gut beherrschen. Sie arbeiten bei uns freiberuflich als Dolmetscher.

Einfach bewerben.

Danke

Zugegeben war ich etwas enttäuscht von der Antwort und hakte erneut nach:

Danke für die schnelle Antwort. Gibt es denn eine spezielle Vorbereitung auf den Einsatz? Wenn ja, in welchem Umfang?

Viele Grüße

Die ernüchternde Antwort kam noch am gleichen Tag:

Nein es gibt keine spezielle Vorbereitung.

Nach dem Termin versprach der Beamte, dass spätestens nach zwei bis drei Wochen eine Entscheidung getroffen werden sollte. Ich war skeptisch und meine Skepsis war nicht fehl am Platz, denn nach nun über zwei Monaten, warten die beiden noch immer auf einen Bescheid der BAMF.

 

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10 Kommentare zu „Tag 48: BAMF – Dolmetscher-Chaos

  1. Hallo, ich bin ausgebildete Übersetzerin/Dolmetscherin (Diplom) und außerdem sehr genau in meiner Arbeit ;-). Würdest du den Kontakt zum Bewerben teilen?
    Danke und Gruß, Julia

    • Ich habe den Artikel auch nicht gleich veröffentlicht, weil ich abgewartet habe, bis das Paar seinen Bescheid erhalten habe. Ich wollte nicht, dass sie wegen meinem Artikel benachteiligt werden. Der Termin war Ende Juli, deshalb schrieb ich ja auch am Anfang des Artikels: „Vor einigen Wochen…“. An der Situation mit den Dolmetschern hat sich jedoch nichts geändert. Außerdem wurde das BAMF dort nicht geschlossen sondern ist nur ein paar Hundert meter weiter weg gezogen.
      Was meinen sie mit „Siehe oben“?

  2. Leider kann ich nur bestätigen, dass viele Dolmetscher nicht das übersetzen, was der Asylbewerber aussagt.
    Eine Asylbewerberin, die zum Glück schon sehr gut die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrscht, hat bei ihrer 3. Anhörung den Dolmetscher ein paar mal unterbrochen und korrigiert.
    Sie fragte daraufhin den Beamten, ob sie die Fragen auf deutsch beantworten kann, damit alles richtig aufgeschrieben wird.
    Das hat dann auch gut funktioniert.

    Es ist also leider kein Einzelfall. Man braucht sich nicht wundern, warum dann, nicht nachvollziehbare Bescheide versandt werden.

  3. Hallo Karim,

    super Artikel, der wieder einmal die gravierenden Mängel im BAMF-Alltag bzw. die Geschäftsgebaren des BAMF offenbart.

    Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass oft anhand der Honorarverhandlungen bewertet wird, wie gut Dolmetscher sprechen. Manche Dolmetscher benutzen bei der Anhörung auch den Google-Übersetzer. Manchmal ziehen BAMF-Mitarbeiter auch jemanden fürs Dolmetschen hinzu, ohne den Namen zu vermerken und ohne zu überprüfen, ob man vielleicht für den Geheimdienst arbeite und möglicherweise vertrauliche Informationen weitergebe. Ob denn die BAMF-Mitarbeiter für den Job hinreichend qualifiziert und ausgebildet sind, steht aufm anderen Blatt…

    Hier etwas ausführlicher:
    https://twitter.com/Fachdolmetscher/status/784676278125334528
    http://www.ndr.de/nachrichten/Fluechtlinge-kritisieren-Umstaende-bei-Anhoerungen,dolmetscher206.html

    Hoffentlich ändert sich die Lage irgendwann…

    Viele Grüße
    Igor

  4. Wenn ich so etwas lese, dann kommen mir immer mehr Zweifel an unserem Rechtssystem… es ist doch im Asylgesetz ganz klar geregelt wie so eine Anhörung statt zu finden hat und das der Flüchtling recht auf einen „ordentlichen“ Dometscher hat…. und wenn der Beamte mitbekommt, dass der BAMF-Dolmetscher falsch oder verkürzt übersetzt, dann hat er ihn wegzuschicken… oder die Anhörung abzubrechen… oder was auch immer… ich persönlich würde es auch besser finden, wenn man das BAMF entlastet und die Flüchtlinge ihren eigenen Dolmetscher mitbringen…

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