Tag 1: Messestadt

Tag 1: Messestadt

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Donnerstag, der 10.09.2015

Ich habe gestern in der Nacht von 1 Uhr bis 10 Uhr in Messe geholfen und war dort als arabischer Dolmetscher im Einsatz. Ich konnte mich in der Zeit mit einigen Flüchtlingen unterhalten und empfand dies als sehr interessant. Da viele Helfer aufgrund der Sprachbarriere nicht die Möglichkeit haben, solche Gespräche zu führen, wollte ich einiges wiedergeben, was ich als interessant empfunden habe. Viele Flüchtlinge haben mir von sich aus vieles erzählt, ohne Nachfrage meinerseits. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen:

  • Wo kamen die Flüchtlinge her mit denen ich gesprochen habe?
    Aus Syrien (Raqqa, Damaskus, Idlib, Daraa) und Irak (Bagdad)
  • Wie sind sie nach Deutschland gelangt?
    Alle, die ich danach gefragt habe, sind über die Türkei geflohen und sind dann tatsächlich mit Schlepperbooten über das Meer gekommen. Dann sind sie in Serbien, Ungarn und Österreich angekommen.
  • Was waren ihre Pläne?
    Mehrere mit denen ich gesprochen hatte, haben ihre Diplome im Rucksack und wollten diese hier anerkennen lassen, um dann arbeiten zu können. Viele fragten, in welchen Städten sie die besten Jobchancen haben. Nur eine einzige Person hatte mich gefragt, wieviel Unterstützung sie vom Staat erhalten würde.
  • Welche Probleme hatten die Flüchtlinge?
    – Viele hatten das Problem, dass ein Angehöriger ins Krankenhaus gebracht wurde und sie dann nichts mehr von ihm gehört haben. Sie waren oft verzweifelt, weil ihnen niemand wirklich helfen konnte. Ich hoffe, dieses Problem konnte die Polizei in den Griff bekommen.
    – Viele haben die Aufnahmeprozedur am Hauptbahnhof nicht verstanden. Einige hatten kein Bändchen erhalten oder dieses entfernt. Sie mussten dann mitten in der Nacht zurück zum Bahnhof.
    – Viele wollten weiterreisen, da sie Verwandte in anderen Städten haben. Sie wussten aber nicht, wie sie dort hingelangen und ob sie dies überhaupt dürfen.
    – Die Ungewissheit über das Asylverfahren und mangelnde Informationen zu den bevorstehenden Schritten haben fast alle verunsichert.
  • Wovor sind sie geflüchtet?
    Vor Bashar El Assad in Syrien, vor den Todestonnen (auch wieder Bashar) und vor den Morden und Attentaten in Bagdad. Vom IS war nie speziell die Rede.
  • Wo wollen sie hin?
    5 Flüchtlinge wollten nach Hamburg. Eine Gruppe von 6 Menschen nach Hannover, eine Familie nach Sachsen-Anhalt, eine Familie egal wo in Deutschland – Hauptsache nicht „in den Osten“ -, 3 von ihnen wollten nach Schweden und eine Familie nach Finnland.
  • Wie lange haben sie für die Reise gebraucht?
    Zwischen 15 und 30 Tagen.
  • Wer waren sie?
    Ich habe 5 Leute gefragt, was sie beruflich machen: ein Arzt, ein Mathelehrer, ein Elektro-Ingenieur, ein Biologe und ein Assistent eines Ministers.
  • Welche Schicksale fand ich besonders rührend?
    – Eine alte Frau mit einem 8 Monate alten Kind, dessen Mutter in Syrien geblieben ist.
    – Eine Frau mit zwei Kindern, die nicht mehr weiter wusste und einen Polizisten anflehte, ob er sie nicht nach Sachsen-Anhalt fahren konnte. Dann fragte sie mich, ob ich sie nach draußen schmuggeln könnte und glaubte mir nicht, dass sie das Gelände jederzeit alleine verlassen darf.
    – Ein blinder Mann mit 2 Kleinkindern der seit 2 Tagen darauf wartete, dass seine Frau aus dem Krankenhaus zurückkommt. Jedoch hatte er keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Er erhielt auch keine Information über ihren Verbleib.
  • Wie fühlen sie sich in Europa?
    Das bezieht sich natürlich nur auf die Länder, die sie im Rahmen ihrer Flucht durchquert haben. Für Ungarn und Serbien (und alles was davor war) hatten sie fast nur Schimpfwörter übrig. Sie sagten, dass sie dort schlimmer als Tiere behandelt wurden. Die Österreicher und Deutschen empfanden sie jedoch alle als respektable, respektvolle und sehr korrekte Menschen und sie waren dafür allesamt sehr dankbar.
  • Was mich beeindruckte?
    Die Kraft, mit der die Kinder das alles ertragen.
    Als ich einigen den Weg zum ZOB gezeigt habe und ihnen beim Erwerb der Bustickets geholfen haben, wollten sie mich unbedingt auf ihre Kosten zum Essen einladen. Ich konnte mich nur sehr schwer rausreden. Es waren alles sehr stolze Menschen, die mir nicht den Eindruck vermittelten als Bettler nach Europa zu kommen.
  • Mein Fazit:
    Es sind allesamt starke Menschen, die unglaublichen Kraftakt vollbracht haben und alleine dafür großen Respekt verdienen. Was ist ein Marathonlauf oder gar eine Tour de France im Vergleich? Sie sind bei uns erschöpft angekommen und es ist unsere Pflicht sie herzlich zu empfangen und ihnen zu helfen. Zumindest empfinde ich es als meine.
    Diese Menschen haben großen Respekt vor Deutschland. Der Empfang den sie erhielten ist kein Gutmenschendenken sondern aus meiner Sicht eine alternativlose Investition in Menschen die in naher Zukunft unser Land bereichern und einen Beitrag zum Wohlstand dieses Landes leisten können. Es sind keine Bittsteller, deren Ziel es ist Deutschland, um staatliche Hilfen zu erleichtern.
    Nach Heidenau und Co. hat Deutschland sein anderes Gesicht gezeigt, sein schönes. Ich hoffe, dass Deutschland immer so schön bleiben wird.

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