Tag 50: Steiniger Weg

 

In den letzten drei Monaten begleitete ich Samir weiter auf seinem Weg in ein normales Leben. Auch wenn dieses immer wieder in weite Ferne zu rücken scheint, so versuchen wir mit anderen Helfern weiterhin eine Hürde nach der anderen zu überwinden.  

(Die ganze Geschichte von Samir kann man hier nachlesen)

Am 24.11.2016 erhielt Samir seine Vorladung zur Anhörung im Rahmen seines Asylverfahrens. Der Termin sollte am 12.12.2016 stattfinden. Ich nahm mir den Tag frei, um ihn zu begleiten.

BAMF

Der zuvor bestellte Krankentransport traf etwas verspätet am ausgemachten Treffpunkt ein. Nachdem er Samir in seinem Rollstuhl aus dem Transporter lud, schob ich ihn bis zum Haupteingang, wo ein freundlicher Sicherheitsmitarbeiter notierte, dass er prioritär behandelt werden sollte. Wir gingen zur Anmeldung, wo ich Samirs Unterlagen einreichte. Unter anderem übergab ich einen Brief des Hausarztes, der darauf hinwies, dass langes Sitzen den Zustand seines Dekubitus verschlechtern würde.

Wir setzten uns ins Wartezimmer und unterhielten uns. Ich erzählte von einem Kollegen, der für 4 Wochen nach Tunesien fahren würde, um einen Monat seiner Elternzeit dort zu verbringen.

„Es ist in so weiter Ferne, einfach seine Heimat für ein paar Tage besuchen zu können. Seit 6 Jahren ist mir das verwehrt.“, sagte Samir nachdenklich.

Er erzählte mir von der schwierigen Situation seiner Frau, die in der Türkei in einem Camp sitzt und seit 4 Monaten nicht mehr arbeiten kann, da die Nähfabrik, in der sie zuvor für einen Hungerlohn arbeitete, nun auch geschlossen hat.

„Mit dem Geld, das sie von der türkischen Regierung bekommen, ca. 27 Dollar pro Monat und Person, kauft sie das Essen für sich und die Kinder. Seit ein paar Tagen darf nun auch niemand mehr das Camp wegen der Anschläge der letzten Wochen verlassen und in den Läden innerhalb der Camps kosten die Lebensmittel dreimal so viel wie außerhalb.“

Während wir im Warteraum saßen drückte ein Kind ununterbrochen den Abzug einer futuristischen Spielzeugpistole, worauf die Spielwaffe wild blinkte und laute Klingelgeräusche von sich gab. Irgendwann spielte Samir mit dem Gedanken dem Kind die Batterien abzukaufen.

Die Wartezeit wurde immer länger. Irgendwann gingen uns auch die Themen aus und wir saßen nur noch nebeneinander und schauten zu, wie sich der Warteraum nach und nach leerte.

Nach drei Stunden wurden wir schließlich aufgerufen und ein etwas korpulenter BAMF-Mitarbeiter bat uns in sein Büro.

Das Interview

Das Interview verlief gut. Der BAMF-Mitarbeiter war sehr nett und schien sich mit der arabischen Welt auszukennen. Immer wieder betonte er, dass er sich lange Jahre damit beschäftigt hatte. Auch der irakische Dolmetscher war sehr nett, hilfsbereit und obendrein kompetent. Auch wenn ich kaum Fehler bemerkte, so bezogen sie mich in ihr Gespräch ein und reagierten offen auf meine Erläuterungen.

Das Gespräch dauerte ganze vier Stunden. Es war sehr anstrengend. Sowohl der Beamte als auch der Dolmetscher schienen irgendwann ermüdet. Samir jedoch verlor sich in Details seiner Erzählung und zog somit das ganze Gespräch immer weiter in die Länge. Fast schon hätte man denken können, er würde sich für die lange Wartezeit rächen wollen. Aber nur fast, denn wenn man fünf Jahre in einem Bett liegt dann entwickelt man sehr viel Geduld und Ausdauer.

Gegen 18 Uhr war das Gespräch vorbei. Der Dolmetscher übersetzte es erneut Samir und gab uns einen Abdruck mit. Ich rief den Fahrer des Krankentransports an und brachte Samir zum ausgemachten Treffpunkt.

Unterwegs gab Samir mir noch 100 € und bat mich, es seiner Frau per Western Union zu schicken.

Western Union

Viele Flüchtlinge schicken Geld an ihre Verwandten in der Türkei. Samir bekommt im Monat knapp 100 € Taschengeld. Kaufen tut er damit hauptsächlich Nahrungsmittel. Einen Teil legt er zurück, um es seiner Frau und seinen beiden Kindern zu schicken. Da sie jedoch keinen Pass besitzt, kann sie auch kein Geld empfangen, weshalb ich das Geld einer Freundin seiner Frau schicken sollte, die es ihr dann weitergeben würde.

Also ging ich ein paar Tage später in ein Western Union Büro, wo ich 300 € verschickte. Die Differenz erhielt ich von Spendern, die kurzfristig das Geld zusammengelegt hatten.

Am Tag darauf rief Samir mich an und erzählte mir, dass Western Union der Freundin seiner Frau das Geld nicht aushändigen wollte. Es war gerade die Zeit in der in der Türkei mehrere Anschläge verübt wurden und wahrscheinlich landete ihr Pass auf irgendeiner schwarzen Liste, weil die Frau bereits von mehreren Personen Geld geschickt bekommen hatte.

Ich ging also erneut ins Western Union Büro, wo man mir jedoch wider Erwarten erklärte, dass das Geld bereits ausgezahlt wurde. Samir rief seine Frau an und bat sie, die Freundin ins Western Union Büro zu begleiten, um sich zu vergewissern, dass sie die Wahrheit sagte. Man bestätigte ihr dort, dass das Geld NICHT ausgezahlt wurde.

Also ging ich zum dritten Mal ins Western Union Büro am Ostbahnhof, wo man mich einen Nachforschungsantrag ausfüllen ließ. Normalerweise dauert das zwei Wochen, da aber gerade Neujahr war, sollte ich mich besser drei Wochen gedulden.

Es wurden fast vier Wochen bis  Western Union mich anrief und mir eine Nummer übermittelte, mit der ich das Geld abholen konnte. Ausgezahlt wurde das Geld schließlich inklusive Gebühren.

Ich schickte das Geld einem anderen Bekannten Samirs. Es erreichte seine Frau am 31.01.2017, anderthalb Monate nachdem ich es das erste Mal verschickt hatte.

OP

In der Zwischenzeit ging es Samir gesundheitlich nicht unbedingt besser. Die Pflegesituation im Heim hat sich nicht wesentlich geändert und auch die Beschwerde beim Gesundheitsamt blieb ohne Erfolg. Vor allem seine Dekubitus verheilten nicht, was neben der schlechten Pflege auch auf eine dauernde Verschmutzung mit seinen Ausscheidungen zurückzuführen war.

Nach Rücksprache mit Samirs Hausarzt wurden ihm schließlich, kurz nach dem Interview im BAMF, operativ ein künstlicher Darm- und Blasenausgang gelegt. Die OP verlief ohne Komplikationen und nach einigen Tagen konnte Samir das Krankenhaus verlassen. Nach einigen Wochen zeigten sich erste Besserungen der Dekubitus.

Physiotherapie

Auch fand sich ein sehr netter Physiotherapeut, der Samir im Schnitt vier Mal die Woche besuchte und mit ihm trainierte. Gelegentlich bringt er sogar essen mit. Samir gewann durch das Training an Kraft und Körperhaltung und ist nun im Stande sich eigenständig in seinem Bett hinzusetzen. Er trainiert weiter und hofft sich irgendwann auch alleine auf seinen Rollstuhl hieven zu können.

Steine

Wir warteten lange auf den Bescheid. Auch zweieinhalb Monate nach dem Interview bei der BAMF kam keine Antwort. Und auch wenn ich immer wieder versuchte ihm Mut zuzusprechen, so grübelte er doch ständig und machte sich große Sorgen. Irgendwann fing er an sich immer öfter über Kopfschmerzen zu beschweren. Dann beschwerte er sich über den Katheter und behauptete dieser sei verstopft. Er wollte mehrere Male ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo Katheter und Blase überprüft wurden, ohne dass ein größeres Problem festgestellt werden konnte. Einmal rief er mich mitten in der Nacht an, und bat mich mit einer Ärzten zu sprechen. Diese sagte mir, dass sie vermutete, dass seine Probleme hauptsächlich psychischer Natur sind.

Ein Pfleger aus dem Altenheim erzählte mir sogar, dass Samir mit Absicht sehr viel Wasser trank, um sich anschließend über nicht korrekt funktionierenden Katheter beschweren zu können. 

Die Situation belastete sowohl mich als auch andere Helfer, die nicht wussten, wie sie ihm weiterhelfen konnten bis er mir am zweiten März ein Bild über Whatsapp schickte.

Drei erbsengroße Steine waren auf einem Taschentuch zu sehen. Er sagte, dass er diese gerade ausgeschieden hätte. Ich musste sofort an Nierensteine denken. Dies würde sowohl seine Beschwerden als auch sein Verhalten in den letzten Tagen erklären. Ich sprach mit dem Hausarzt, der eine Untersuchung der Steine anordnete.

Der Bescheid

Am 9.03.2017 erhielt Samir schließlich einen Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit dem Bescheid zu seinem Asylverfahren, in dem folgende Entschlüsse standen:

1. Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt.

2. Der Antrag auf Asylanerkennung wird abgelehnt.

Auch wenn der zweite Satz zunächst für etwas Verwirrung sorgte, so wurde uns jedoch schnell klar, dass dies ein positiver Bescheid ist und es in seinem Fall auf die Flüchtlingseigenschaft ankommt. Ich hielt auch noch Rücksprache mit einer Anwältin, die mir bestätigte, dass es ihm nun möglich war einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Samir freute sich sehr über den Bescheid. Auch ich war erleichtert, da ich befürchtete, ihm würde nur der subsidiäre Schutz gewährt und wir müssten erst vor Gericht ziehen, was wiederum eine sehr langwierige Prozedur ist.

Ich erkundigte mich also zum Thema Familienzusammenführung und musste bestürzt feststellen, dass es ein sehr langwieriges Unterfangen wird.

Noch mehr Steine

Für den Antrag benötigen Frau und Kinder Pässe, diese haben jedoch nie einen besessen. Warum auch? Lebten sie doch ein ärmliches Leben ohne Aussicht jemals verreisen zu können. Nachdem der Krieg ausgebrochen ist, war es nicht mehr ohne weiteres möglich sich einen Pass ausstellen zu lassen. Hinzu kam, dass sein zweites Kind erst in der Türkei zur Welt gekommen ist und somit nicht mal eine Geburtsbescheinigung vorhanden ist. Ich las in verschiedenen Foren von der Möglichkeit einen Antrag auf Befreiung von der Passpflicht. Als ich eine Anwältin danach fragte sagte sie nur: „Ach Karim, das war vor 4 Jahren möglich … jetzt versucht man alles, um den Familiennachzug so schwer wie möglich zu machen.“

Wir informierten uns also über die Möglichkeiten, die es gab, doch an einen Pass zu kommen. Und hier scheint es nur zwei zu geben: entweder in einem syrischen Konsulat in der Türkei oder in einer Behörde des Regimes in Syrien. Ein Syrer berichtete mir, dass im syrischen Konsulat über tausend Dollar pro Pass verlangt würden und nicht sicher ist, dass er auch ausgestellt wurde. Den Pass in Syrien ausstellen zu lassen soll um die 500 Dollar kosten. Und würden wir davon ausgehen, dass sie es schaffen, das Geld irgendwie zusammen zu kratzen würde es auch bedeuten, dass seine Frau mit den beiden Kindern unter Lebensgefahr zurück ins Kriegsgebiet reisen müsste, und bei der erneuten Ausreise am Grenzübertritt in die Türkei gehindert wird.

Ein weiteres Problem sind die benötigten Unterlagen für die Ausstellung neuer Pässe. Hier wird unter anderem das Familienbuch von der ausstellenden syrischen Behörde verlangt.

Das Familienbuch liegt jedoch bei der BAMF.

Wie wir da rankommen sollen, ist mir im Moment auch noch ein Rätsel.

Eins steht jedoch fest: es wird ein steiniger Weg. 

 

Teil 7: Hoffnung und Hürden

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