Tag 3: Hauptbahnhof

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Eigentlich wollte ich gestern wieder zur Messestadt. Es gab einen Aufruf Decken, Schlafsäcke und Isomatten am Hauptbahnhof abzugeben, also entschloss ich mich,  2 Schlafsäcke, die ich eigentlich nie genutzt habe, dort vorbeizubringen. Die Situation am Hauptbahnhof war dramatisch, deshalb entschloss ich mich zu bleiben. Ein Zug sollte irgendwann kommen und Flüchtlinge in eine Stadt in den Norden bringen. Niemand wusste jedoch genau wann. Flüchtlinge wurden in eine Halle gepfercht. Ich war zutiefst schockiert. Ca. 1000 Menschen lagen, saßen und standen auf dem Boden, einige auf Bierbänken. Die Luft war stickig und es stank bestialisch. Draußen standen 6 Dixiklos, eins defekt, keine Möglichkeiten sich die Hände zu waschen. Wer aufs Klo oder Rauchen wollte, musste sich von einem Helfer begleiten lassen. Leider hatte ich keine Zeit länger mit den einzelnen Menschen zu sprechen, also gebe ich hier nur einige kurze Situationen wieder:

Situation 1

Eine syrische Familie kommt zu mir und der Mann erklärt mir:
– Wir haben heute Bustickets für morgen früh gekauft, um nach Hannover zu meinem Bruder zu fahren. Nun hat man uns hergebracht. Wir werden so unseren Bus verpassen.
– Ihr werdet in eine Stadt in den Norden gefahren. Die Bustickets sind leider verloren.
– Du meinst das Geld ist weg?
– Ja ich befürchte es. Es tut mir leid.
– Aber wo bringen die uns hin?
– In den Norden. Sie haben keine Kapazitäten mehr hier in München.
– Aber wir wollten doch nicht in München bleiben, wir wollen zu meinem Bruder nach Hannover
– Es tut mir leid, aber hier habt ihr keine Wahl.

Situation 2

Eine syrische Familie kommt zu mir und der Mann sagt:
– Wir waren in einem Bus auf dem Weg nach Saarbrücken. Wir haben Tickets bezahlt. Für jede Person 29 €, selbst für die kleinen Kinder. Unterwegs benachrichtigte der Fahrer die Polizei und sie haben uns aus dem Bus geholt, uns unsere Pässe abgenommen und hierher gebracht. Was sollen wir hier?
– Sie bringen euch in eine Stadt in den Norden.
– Aber Saarbrücken ist doch nicht im Norden.
– Nein, das stimmt, aber hier habt Ihr keine Wahl. Es tut mir leid.
– Und das Geld? Wir haben über 200 € bezahlt.
– Das ist wohl weg. Was war es für ein Bus?
– Ich weiß es nicht.
– Was hatte er für eine Farbe?
– Es war ein grüner Bus
– War es ein FlixBus?
– Ja genau, das war der Name.

Situation 3

Ein alter syrischer Mann (ca. 70 Jahre) kommt auf mich zu und sagt:
– Bitte, mein Sohn, ich habe eine Frage.
– Ja bitte?
– Hör zu. Hier sind Riesenmassen aus Syrien, Irak, Bangladesch, Libanon, Pakistan und Gott weiß woher noch. Warum werden hier alle aufgenommen? In Syrien, in unserem Land herrscht Krieg und Zerstörung, müssten wir nicht einen Vorrang haben?
– Jeder Mensch hat das Recht Asyl zu beantragen, es bedeutet jedoch nicht, dass ihm Asyl gewährt wird. Nachdem ihr euch registriert und eure Asylanträge eingereicht habt, werden diese geprüft. Und je nach Herkunftsland und persönlicher Situation wird entschieden, ob ihr bleiben dürft oder nicht.
– Ich verstehe. Weil all diese Massen…
Er schaut sich besorgt um und sagt dann noch: „Danke mein Sohn, Gott segne dich.“

Situation 4

Mittlerweile werden die Flüchtlinge in den Zug gebracht. Während sie anstehen ruft mich ein junger Mann und fragt mich, wohin sie ihn bringen. Während wir sprechen, erkenne ich seinen tunesischen Akzent. Ich fragte Ihn:
– Du bist Tunesier?
– Ja.
– Was machst du hier? Du brauchst doch kein Asyl.
– Ich bin schon länger in Deutschland, wurde von der Polizei aufgegriffen und hergebracht. Also dachte ich mir, ich geh mit, mal schauen, wohin die Reise führt.
Ihn schien die Situation zu amüsieren. Ich bin selbst Tunesier und ich ärgerte mich in diesem Moment über den offensichtlichen Missbrauch. Ich überlegte, ob ich mit der Polizei reden sollte. Entschied mich jedoch dagegen. Ich bin Helfer und ich möchte Tatsachen erzählen ohne Partei zu ergreifen. Außerdem habe bis dahin mit Hunderten gesprochen und es war der erste aus dem Maghreb (Tunesien, Algerien, Marokko), den ich angetroffen habe.

Situation 5

Ich begleite einen Mann um die 40 zu der Toilette. Er ist der erste, der nicht gestresst scheint. Ich frage ihn:
– Bist du Syrer? (Im arabischen gibt es das Siezen nicht)
– Ja.
– Bist du mit deiner Familie hier?
– Ja mit meiner Frau und 2 Kindern.
– Wo willst du hin?
– Ich will nach Deutschland. Egal wohin. Ich will mich registrieren und in Frieden leben.
– Heißt das, du willst nicht wie viele hier weiter?
– Nein, ich bin angekommen. Ich bin seit 30 Tagen unterwegs und ich bin erschöpft. Ich mach das, was man mir sagt. Hey, ich bin in Deutschland angekommen. Meine Familie ist in Sicherheit. Was will ich mehr? Ich bin glücklich.

Situation 6

Der Zug mit ca. 1000 Flüchtlingen ist abgefahren. Zurück geblieben sind Decken, die durch die Bevölkerung gespendet wurden. Helfer melden, dass sehr viele Menschen am Bahnhof auf dem Boden liegen und schlafen. Jeder nimmt einen Haufen Decken und wir gehen los, um die Schlafenden zuzudecken. Unterwegs kommen uns drei junge Männer entgegen und zeigen uns, wo die Menschen schlafen. Sie nehmen uns Decken ab und helfen uns beim Verteilen.
Ich frage sie:
– Seid ihr Syrer?
– Ja aus El-Scham.
– Ihr seid auch Flüchtlinge?
– Ja, wir sind schon seit 2 Monate hier und wir haben bereits unsere Papiere.
– Was macht ihr dann hier um diese Uhrzeit?
– Wir sind hergekommen, um nach unseren Brüdern zu schauen. Das sind schließlich unsere Leute. Wir dachten uns, wir müssen helfen. Es ist unsere Pflicht.
Ich fragte sie zum Asylverfahren aus und zu Ihren Rechten. Ich fragte sie auch, was sie in Syrien gemacht hatten bevor sie geflüchtet sind. Alle drei waren Studenten.

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