Tag 6: Dornach

Tag 6: Dornach

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Montag, der 21.09.2015

Eigentlich sollten gestern alle Flüchtlinge aus Dornach weggebracht werden. Anscheinend fehlten aber Busse, weshalb ein Teil der Anwesenden in der Notunterkunft blieb. Telefonisch erkundigte ich mich, was in der Unterkunft fehlte. Daraufhin machte ich mich auf den Weg zu dem arabischen Nahrungsmittelladen in meiner Nachbarschaft in Pasing. Dort wollte ich Instantsuppen und arabisches Fladenbrot kaufen. Ich habe zwei Tage zuvor mit dem Besitzer des Ladens gesprochen Er hatte mir einen Rabatt von 25% versprochen. Doch als ich an der Kasse ankam, wollte er für die Nahrungsmittel überhaupt kein Geld mehr haben.
Als ich in Dornach angekommen war, stellte ich fest, dass die Verpflegung diesmal besser war. Die Münchner Volksküche hatte viel Obst und warme Suppe gespendet. Sie versprachen sogar, am nächsten Tag Humus, Fladenbrot, Tomaten und Gurken mitzubringen. Doch auch die Instantsuppen stießen – vorallem bei den Kindern – im Laufe des Abends auf viel Anklang. Ich blieb von 19 Uhr bis 00 Uhr. An dem Abend konnte ich wieder einige Gespräche führen.

Situation 1

Ein junger Mann (in Sommerklamotten gekleidet) fragte, ob man irgendwo warme Kleidung bekommen kann, weil ihm kalt sei. Ich führe ihn durch die verwinkelten Gänge der Unterkunft zur Kleiderausgabe. Da er (wie die meisten Flüchtlinge) sehr schlank ist, hat er Schwierigkeiten, etwas passendes zu finden. Der Großteil der gespendeten Männersachen fallen nämlich sehr groß aus. Er sagt mir, dass er sehr wenig gegessen hat, als er unterwegs war. Wir kommen ins Gespräch. Er erzählt, dass er aus Halab kommt und ein Semester studiert hat, bevor er geflohen ist. Er möchte gerne in Deutschland bleiben und hier ein Studium beginnen. Ich frage, wie es in Halab ist. Er sagt: „Die Stadt ist in zwei Lager geteilt. Das eine gehört dem Regime und das andere den Aufständischen. Von außen arbeitet sich der IS heran. Wir wohnten in der Gegend der Aufständischen, bis dort durch die Fassbomben des Regimes alles zerstört wurde. Alles wurde dem Boden gleich gemacht. Es ist eine Geisterstadt. Daraufhin sind wir in die andere Hälfte des Regimes gezogen. Dort gab es einen Keller in dem wir uns verstecken konnten. Die Zerstörung war dadurch etwas weniger schlimm…“. In dem Moment lief ein anderer junger Mann an uns vorbei. Er blieb stehen drehte sich zu uns um. Er sagte:

„Was hast du gerade gesagt? Wo ist weniger Zerstörung?“

„Ich sagte, dass es in Halab, in der Hälfte des Regimes, etwas erträglicher war. Dort wurde weniger durch die Aufständischen zerstört.“

„Haha! Mann, so ein Quatsch, die Zerstörung ist überall.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile über Straßennamen, wo mehr oder weniger Zerstörung herrschte, wo Sniper platziert waren und wie sie zur Arbeit kamen. Der Zweite fragte, ob ich Syrer bin.

„Nein ich bin Tunesier, Deutsch-Tunesier.“

„Ah, gegrüßt seist du. Weißt du, es gibt überall nur noch Zerstörung. Wir haben keinen Strom und kein Wasser. Seit zwei Jahren. Kannst du dir das vorstellen? Eine Großstadt ohne Strom und ohne Wasser?“

„Aber ihr müsst doch was trinken?“

„Ja. Wir haben so lange gegraben, bis wir zum Grundwasser gelangten. In das Wasser haben wir eine Chlor-Tablette geworfen. Das haben wir dann getrunken. Ständig gab es Explosionen. Das Haus gegenüber von uns wurde vernichtet. Jeder von uns hat mehrere Freunde und Verwandte verloren. Ich ging kaum noch raus. Einmal ist eine Gasflaschenbombe neben mir gelandet und ein Splitter ist ein paar Zentimeter neben mir eingeschlagen.“

„Du meinst eine Fassbombe? Die Dinger, die aus den Helikoptern abgeworfen werden?“

„Nein, die benutzt das Regime. Gasflaschenbomben wurden von den Aufständischen entwickelt. Die entwickeln ihre Waffen ja auch weiter. Sie werden mit explosivem Material gefüllt und dann durch eine Art Kanone abgeschossen.“

„Wie kann dieser Krieg deiner Meinung nach ein Ende finden?“

„Weißt du, ich gehöre zu den Leuten, die denken, dass dieser Krieg nie enden wird.“

„So schlimm? Warum denkst du das?“

„Es ist ein absolutes Chaos, es gibt das Regime, die Aufständischen, den IS, die Hizbollah.“

„Die Hizbollah auch?“

„Ja. Selbst die Hizbollah besteht aus tausend unterschiedlichen Gruppierungen. Jeder kämpft gegen jeden. Weißt du, ich glaube dass dieser Krieg bis zum jüngsten Tag andauern wird.“

Situation 2

Ich komme in den Essensbereich und sehe einen Mann um die 40 Jahre alt, der das Essen filmt. Ich gehe zu ihm und frage ihn, warum er filmt.

„Ich habe um Erlaubnis gebeten.“

„Nein, darum geht es mir nicht. Ich frage, warum du filmst. Was bringt dich dazu?“

„Oh, ich bin voller Bewunderung.“

„Bewunderung?“

Ja. Für dieses Volk; mit welcher Großzügigkeit sie uns bewirten.“

Ich drehe mich um und schaue mir das Essen an. Es gibt Suppe, viel Obst, Brot, Käse, Instantnudeln, Tee, Getränke, Krapfen, Brot und einiges mehr.

„Weißt du, wir sind gestern Nacht angekommen und es gab nicht viele Helfer hier. Also habe ich mitgeholfen. Ich habe gesehen, wie sich die Freiwilligen einsetzen und was sie alles tun. Alles ist freiwillig.

Er erzählt mir, dass er Künstler ist und Skulpturen aus Stein und Bronze fertigt. Das ist nur sein Hobby. Er hatte zwei Fabriken in Syrien. Insgesamt besaß er 30 Maschinen, die er allesamt selbst gebaut hat. Er stellte Plastikflaschen und Plastikrohre her. Dann kam der Krieg. Er ging mit seinem Geld in den Libanon und dachte, der Krieg wird nicht lange andauern. Doch ihm ging das Geld und der Krieg wurde schlimmer. Er kehrte nach Syrien zurück und versuchte zu überleben. Er wurde vom Regime zu einer Initiative für nationalen Frieden eingeladen. Jedoch stellte sich heraus, dass das alles nur eine große Lüge war. Eine Propagandashow des Regimes. Er wurde insgesamt sechs Mal vom Regime festgenommen. Das letzte Mal zahlte er 20.000 Dollar, um wieder freizukommen. Auch die Aufständischen haben ihn einmal festgenommen, weil er sich weigerte, gegen das Regime zu kämpfen. Er ist gegen alles, was zu Waffen greift.

„Weißt du, ich habe sogar eine Initiative mit dem Namen ‚Gemeinsam für einen Waffenstillstand‘ gegründet. Wir konnten dies sogar für manche Straßengebiete durchsetzen, doch es wurde immer schlimmer. Also sind wir geflohen.“

Er erzählt mir weiter von seiner Reise und sagt dann: „Weißt du, ich will niemandem auf der Tasche liegen. Ich will kein Geld vom Staat, diese Gelder gehören den Deutschen. Sie haben mehr Anrecht darauf. Ich will arbeiten und wenn ich nicht arbeiten darf, dann will ich helfen, meine Landsleute auf das Leben in diesem Land vorzubereiten.“

Situation 3

Ein Mann aus Idlib in Syrien erzählt mir, dass er 15 Jahre lang im Libanon gelebt und gearbeitet hat. Als der Krieg ausbrach und die libanesische Hizbollah in den syrischen Krieg eintrat, wurde das Leben für die Syrer im Libanon schwierig. Nach mehreren Drohungen blieb ihm nur noch ein Ausweg: zu gehen. Er kehrte nach Syrien zurück und verlor seinen Pass. Als er sich einen neuen Pass ausstellen lassen wollte, wurde er einen Monat lang eingesperrt und gefoltert.

„Warum hat man dich gefoltert? Du wolltest doch nur einen neuen Pass.“

„Sie dachten, ich habe den Pass verkauft.“
Er reiste mit Frau und Kind.

Situation 4

Ich schaue einem jungen Mann zu, wie er zwei Becher Tee vorbereitet. In jeden Becher leert er drei gehäufte Löffel voll Zucker hinein. Ich staune. Es sind drei Esslöffel. Ich denke mir: „Wenn das Leben bitter ist, dann muss mehr Zucker her.“ Was für ein Gedanke!

Situation 5

Ich werde zu den Sanitätern zum Übersetzen gerufen. Ein junger Kurde sitzt auf der Liege mit einem verletzten Knie. Er spricht nur Kurdisch. Sein Freund neben ihm spricht Kurdisch und Arabisch. Er übersetzt mir aus dem Kurdischen und ich übersetze dem Pfleger aus dem Arabischen. Ich frage:

„Wie ist das passiert?“

„Vom langen Laufen. Im Wald und über steinigen Boden.“

„Seid ihr lange gelaufen?“

„Ja, 7 Tage lang.“

„Am Stück?“

„Nein wir liefen 3 Stunden und ruhten eine viertel Stunde. Dann liefen wir wieder 3 Stunden und das 7 Tage lang. Essen hatten wie nur für 4 Tage dabei, danach haben wir gehungert.“

„Wo war das?“

„Zwischen der Türkei und Bulgarien. In Bulgarien haben Sie uns dann 14 Tage lang eingesperrt.“

„14 Tage? In ein Camp oder ein Gefängnis?“

„In ein Gefängnis. Dort haben sie uns unser Geld und unsere Handys weggenommen.“

„Wer hat euch das weggenommen?“

„Die Polizei. Wir waren zu siebt. Jeder mit seinem Handy. Sie haben alles genommen – bis auf ein Handy. Bei diesem Handy hatten wir den Bildschirm zerbrochen, damit sie es für wertlos hielten.

„Und das Geld? Wieviel war es?“

„Mir haben sie 1.500 € weggenommen. Uns sieben insgesamt 9.000 €. Hätte ich gewusst, dass es so anstrengend wird, wär ich niemals losgezogen.“

„Aber jetzt bist du in Deutschland. Hier richtet man sich nach Gesetzen.“

„Ja es sind respektable Menschen hier. Weißt du, ich liebe Deutschland, ich bin schon lange ein Fan. Seit der Weltmeisterschaft. Ich liebe Oliver Kahn. Kennst du ihn? Den Torwart.“
Ich lachte und er grinste.

Situation 6

Ich bringe 5 junge Männer in ihren Schlafbereich. Unterwegs fragt mich einer:

„Sprichst du Türkisch?“

„Nein, ich spreche nur Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch.“

„Ich spreche Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Englisch.“

„Achso, du bist Kurde.“

„Ja, aus dem Irak. Kennst du Peschmerga? (Er grinst breit) Wo kommst du her?“

„Ich bin Deutsch-Tunesier.“

„Ah Tunesier, Issam Chawali (sehr bekannter tunesischer Fußballkommentator)… wir lieben ihn. Wenn ein Fußballspiel läuft suchen wir immer den Sender, den er kommentiert.“
Ich muss lachen.

Situation 7

Ich komme wieder in den Essensbereich und sehe, wie sich ein Helfer mit dem Mann, der zuvor das Essen gefilmt hatte, unterhält. Ich stelle mich dazu und höre zu.

„… 36 Stunden haben sie gebraucht um Tadmur (Palmyra) zu erreichen. Wo waren die Amerikaner, die Engländer und all die anderen mit ihren Satelliten? Die konnten die ganzen Fahrzeuge doch sehen und es waren alle vorgewarnt. Warum haben sie das zugelassen?“

„Warum haben sie was zugelassen?“

„Warum haben Sie die Zerstörung Tadmurs zugelassen? Als der IS sich aus Deir Ezzor auf den Weg gemacht hat, war ihr Ziel bekannt und sie benötigten ganze 36 Stunden dafür. Die Armee des Regimes hielt die Stätte besetzt. Die Aufständischen sind mit dem Regime in Kontakt getreten. Sie boten an, dass sie es beschützen würden. Doch das Regime wollte nicht weichen. Kurz bevor der IS angekommen ist, hat sich die Armee zurückgezogen und die Stätte dem IS überlassen. Als der IS die Tempel zerstörten, zerstörten sie gleichzeitig die Herzen aller Syrer.“

Beginn der Verrohung

Auf dem Heimweg gehen Scharen von betrunkenen Wiesnbesuchern an mir vorbei. In Gedanken gehe ich die Erzählungen der Menschen durch. Ich erinnere mich, dass mir jemand im Laufe des Abends sagte, dass die Hälfte seiner Mitreisenden gestorben sind. Ertrunken im Meer. Doch ich kann es nicht mehr zuordnen. Ich hatte mir diesen Punkt nicht notiert. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wer mir das erzählt hatte. Ich frage mich, wie es möglich ist so etwas zu vergessen. Ist das der Beginn der Verrohung?

Nachtrag zu Gespräch 2 und 7

Am 21.11.2015 sprach ich wieder mit dem Familienvater. Er erzählte mir, dass er und seine Familie nun eine Aufenthaltgenehmigung haben und sich eine Wohnung mit fünf weiteren Familien teilen. Er ist vor allem Glücklich darüber, dass seine Kinder in die Schule gehen. Er selbst lernt Deutsch aus einem Buch.

 

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