Ramadan – Monat der Erinnerungen

Heute beginnt der Ramadan. Für die meisten Muslime beginnt damit eine besondere Zeit. Ich möchte hier nicht erklären, was der Ramadan ist oder wie er religiös begründet ist. Ich möchte auch nicht darüber schreiben, wie gefastet wird und welche Ausnahmen es gibt. Ich möchte nur darüber schreiben, womit ich den Ramadan verbinde. Und vieles davon stammt aus meiner Kindheit, die ich in Tunesien verbracht habe.

Ramadan ist für mich die Zeit, in der ich als Zehnjähriger einen Tag nur den Vormittag und am nächsten nur den Nachmittag gefastet habe. Am Ende des Monats hatte ich somit den halben Monat gefastet. Das war vielleicht nicht ganz regelkonform, aber es erfüllte mich als Kind mit Stolz. Damals wohnte ich noch in Tunesien und die meisten Kinder machten es ähnlich. Ich erinnere mich, wie ich einmal versteckt hinter einer Tür ein paar Krümel altes Brot aß. Ich glaube ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich schwach geworden bin. Heute muss ich drüber schmunzeln.

Ramadan ist die Zeit in der in Tunesien, das Brot mit Kurkuma, Schwarzkümmel, Fenchelkörnern und wenig Salz zubereitet wird, wodurch es eine gelbe Farbe erhält und bekömmlicher werden soll. Außerdem ist es die Zeit, in der Tunesier ihre Liebe für Käse entdecken und vor allem Ricotta genießen, da dieser weniger Salz enthält und nicht durstig macht.

Ramadan ist die Zeit, in der man lernt, mit Hunger und Durst umzugehen. Man wacht mit trockenem Mund auf und ignoriert tagsüber den knurrenden Magen. Schwierig wird es nur, wenn nachmittags die Gerüche der Speisen aus der Küche entweichen und die letzte Stunde vor Sonnenuntergang anbricht. In dieser Stunde habe ich das erste Mal erkannt, dass Zeit relativ ist. Und das unabhängig davon wie oft man auf die Uhr schaut.

Und obwohl der Ramadan eine durchaus anstrengende Zeit ist, versuchten wir Kinder nicht etwa unsere Kräfte vor dem Fernseher zu sparen. Nein, wir gingen auf die Straße und spielten Fußball. Eigentlich war das verrückt. Heute hätte ich dazu keine Energie mehr. Als Kind war es anders. Und während wir Fußball spielten warteten wir nur auf eine Sache: auf den Ruf des Muezzins, denn der kündigt den Beginn des Fastenbrechens an. Und sobald der Muezzin den Ruf mit „Allahu Akbar, Allahu Akbar…“ begann, rannten wir durch die Straßen nach Hause und schrien: „Haaaaaaaaal“, was so viel bedeutet wie: „[Die Essenszeit ist] eröffnet.“

Und da wir Kinder waren und Kinder gerne Streiche spielen, liefen wir manchmal schon vor dem Sonnenuntergang los und schrien „Haaaal“, um den einen oder anderen unachtsamen Erwachsenen reinzulegen. Das war zwar gemein, als Kind fanden wir das trotzdem lustig.

Ramadan ist auch die Zeit des Fastenbrechens. Meist essen wir erst eine Dattel und trinken ein Glas Wasser und nichts, wirklich nichts schmeckt so gut wie ein Glas stilles Wasser zum Sonnenuntergang während des Ramadans. Überhaupt spielt das Essen eine große Rolle und die Menschen bereiten die besten Speisen für das Abendessen vor. Leider wird dabei in manchen Haushalten auch viel weggeschmissen. Das kommt davon, dass im Laufe des Tages der Appetit auf alles Mögliche wächst, abends dann aber nicht wirklich viel in den immer weiter schrumpfenden Magen passt.

Der Ramadan ist auch die Zeit, in der Fernsehsender extraproduzierte Serien ausstrahlen, um die Menschen zu fesseln, womit sie in direkter Konkurrenz mit dem allabendlichen Tarawih Gebet stehen. Dieses Gebet, bleibt jedoch trotz Serien und vollen Bäuchen stark besucht und in keinem Monat des Jahres sind die Moscheen so voll wie im Ramadan. Auch versuchen die Gläubigen in diesem Monat den Koran einmal zu lesen oder nehmen sich vor, ein paar Verse auswendig zu lernen.

Und der Ramadan ist vor allem die Zeit des Teilens und der Großzügigkeit. Die Menschen teilen ihre Datteln zum Fastenbrechen. Und während sie tagsüber den Hunger mit den Ärmsten teilen, teilen sie abends das Abendbrot mit eben diesen in den Moscheen.

Der Ramadan erinnert mich immer wieder daran, wie gut es mir geht, wie schmerzhaft Hunger und Durst sein können und wie einfach es eigentlich ist, diese zu stillen.

Ich wünsche allen einen gesegneten Ramadan und sehr viel Geduld.

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