Tag 46: Der Aufständische – Teil 3 / Vernachlässigt in Erding

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In den Tagen nach unserem letzten Treffen begleitete ich den Syrer in ein Krankenhaus in München in der Hoffnung, dass sie sich dort um seine Kriegsverletzung kümmern. Er wurde untersucht und es wurde empfohlen, dass er in eine spezialisierte Klinik für Querschnittsgelähmte gebracht wird. Dies muss nun erst vom Landratsamt genehmigt werden. In der Zwischenzeit muss er weiter in seinem Zimmer im Altenheim ausharren.

Tage später rief er mich verzweifelt an. Seine Stimmung hatte sich merkbar verschlechtert. Er erzählte mir, dass er schlimme Wundliegegeschwüre hat, die sich in den letzten Wochen aufgrund der schlechten Betreuung immer weiter verschlimmert haben. Er schickte mir ein Bild, dessen Anblick mich zutiefst verstörte.

Ich versprach ihm, ihn in den nächsten Tagen zu besuchen. Am nächsten Tag rief er mich erneut an und erzählte mir, dass er in ein Krankenhaus gebracht wurde und ein Arzt ihm sagte, dass er operiert werden müsste. Dafür sollte er am nächsten Tag wiederkommen. An diesem Abend setzte ich mich ins Auto und fuhr zu ihm.

Er freute sich sehr über meinen Besuch, wir redeten ein bisschen über Syrien, über seine Frau und die Kinder in der Türkei, auch die Anschläge in Europa waren ein Thema. Dann widmeten wir uns wieder seiner Geschichte und er fing an, mir den dritten und letzten Teil zu erzählen.

(Teil 1 seiner Erzählung ist hier nachzulesen)

(Teil 2 seiner Erzählung ist hier nachzulesen)

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In der Türkei

Ich stieg also in Ghazi-Antab in das Flugzeug Richtung Istanbul. Mein Bruder begleitete mich, um sich um mich zu kümmern, denn auch für ihn wurde ein Flugticket reserviert. In Istanbul wurde ich direkt in die Privatklinik des Dr. Mundhir gebracht. Dieser stattete mir am nächsten Tag persönlich einen Besuch ab. Er war sehr nett und schien sich ernsthaft für meine Situation zu interessieren. Er versprach mir, alles ihn seiner Macht Stehende zu tun, um mir die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen.

Am nächsten Tag kam ein syrischer Prediger, Sohn eines bekannten Predigers. Sein Vater war ein guter Mann doch der Sohn war ein Lügner, wie sich herausstellte. Er versprach vollmundig, sich um mich zu kümmern. Er sagte: „Wenn du was brauchst, egal was, dann lass es mich wissen, ich werde mich drum kümmern.“ Er ließ etliche Fotos von sich mit mir machen und gab mir später umgerechnet 60 € und verschwand. Ich sah ihn nie wieder.

Dr. Mundhir dagegen gab sich sehr große Mühe. Er brachte mir regelmäßig persönlich das Essen und zahlte es aus eigener Tasche. Auch brachte er Menschen zu mir, die mir immer wieder die eine oder andere Spende übergaben. Eines Tages stellte er mir einen Freund vor. Ein sehr netter und großzügiger Mann. Als er an mein Krankenbett kam, brachte er einen Katalog mit, in dem eine sehr große Auswahl an Rollstühlen beworben wurde. Er gab mir den Katalog und sagte: „Du kannst bestimmt einen Elektrorollstuhl gut gebrauchen. Such dir einen aus. Ich werde ihn dir besorgen.“

Seine Großzügigkeit beschämte mich und doch wählte ich einen Rollstuhl aus. Zwei Tage später holte ihn mein Bruder ab und ich konnte mich von da an etwas autonomer bewegen.

So verstrich ein Monat in dem mein Gastgeber versuchte jemanden zu finden, der mich behandeln kann. Er zeigte meinen Befund und Computertomographie-Bilder einem ihm bekannten Professor der Chirurgie. Dieser sagte: „Er muss erst zwei Jahre warten, damit die Wunde heilt, bevor wir ihn am Rücken operieren können. Bring ihn nach zwei Jahren zu mir und ich werde ihn dann operieren. In der Zwischenzeit soll er mit Krankengymnastik beginnen.“

Ich kehrte also zurück zu meiner Familie ins Camp in Ghazi-Antab und verbrachte dort ganze zwei Jahre. In dieser Zeit kamen Menschen aus fast allen arabischen Ländern zu mir, um mich zu besuchen. Fast alle, so stellte ich nach und nach fest, waren Betrüger.

Einmal versprach mir ein Mann mir zu helfen. Er hatte nicht weit vom Camp ein Haus angemietet und brachte mich dort mit anderen Querschnittsgelähmten unter. Es sollte ein Haus zur Pflege von Kriegsverletzten sein. Immer wieder kamen Unterstützer und Organisationen, um sich die Einrichtung anzuschauen. Meist waren es reiche Saudi-Araber oder Katarer, aber auch Türken und Syrer, die schon länger in Europa lebten waren darunter. Wie sich herausstellte, erhielt die Einrichtung viele Spenden, gab davon jedoch nichts weiter an die Verletzten. Nach zweieinhalb Monaten kehrte ich zurück ins Camp. In den zwei Jahren wurde ich noch zwei weitere Male in ähnliche Einrichtungen gebracht. Beide Male hoffte ich, dass es sich um seriöse Angebote handelte. Beide Male ging es jedoch nur darum so viele Spenden zu sammeln wie nur irgendwie möglich. Außerdem kamen viele, die mir versprachen mir zu helfen. Sie nahmen Kopien von meiner Krankenakte und verschwanden, ohne dass ich je wieder etwas von ihnen hörte. Bis eines Tages jemand zu mir kam und mir erzählte, dass jemand mit meiner Krankenakte in Saudi-Arabien große Summen an Spenden gesammelt hatte und dann untergetaucht ist.

Nachdem die zwei Jahre verstrichen sind, meldete ich mich, wie verabredet, erneut bei Dr. Mondhir. Er sagte, dass er bei dem Professor der Chirurgie, der versprochen hatte mich zu behandeln einen Termin für meine OP machen würde und sich dann wieder bei mir melden würde.

Tage später meldete er sich erneut und sagte: „Ich weiß nicht, wie ich dir die Nachricht überbringen soll, ich bin selber noch unendlich wütend. Der Professor hat es abgelehnt dich zu operieren, weil dein Fall schwierig ist und es in der Türkei nicht die Kompetenzen dafür gibt.“ Er versprach mir nach einer Alternative zu suchen. Mich ärgerte, dass der Professor mich erst zwei Jahre lang warten ließ, um mir dann zu sagen, dass er mich doch nicht operieren würde. Einen Monat später meldete Dr. Mondhir sich erneut und sagte, dass er niemanden gefunden hatte, der bereit war, meinen Fall zu übernehmen, weil auf den Bildern eine Trennung des Rückenmarks zu sehen war. Dann sagte er: „Die beste Behandlung wirst du wohl in Deutschland finden. Ich verspreche dir nicht, dass sie dich dort heilen werden, aber sie werden dort das Bestmögliche für dich tun.“

Ich suchte also nach einer Möglichkeit nach Deutschland zu reisen. Da es keinen offiziellen Weg gab, wendete ich mich an einen Schlepper. Um ihn bezahlen zu können, verkaufe ich den Elektrorollstuhl und das restliche Gold meiner Frau. Insgesamt 4000  Dollar kratzte ich zusammen und gab es einem Mann, der mich in einem Schlauchboot nach Griechenland bringen wollte. Er bat uns in einem Hotel zu warten bis er alles vorbereitet hatte. Erst vergingen Tage, dann Wochen bis es schließlich zwei Monate wurden, ohne dass es weiterging. Die Kosten für das Hotel erdrückten mich und ich verlangte mein Geld zurück. Er zahlte mir 1600 zurück und versprach mir den Rest nach und nach zurückzuzahlen. Ich begrub meine Reisepläne und kehrte zurück in das Camp.

Dort suchte ich nach weiteren Alternativen und stieß auf ein Krankenhaus in Jordanien, dass sich auf Fälle wie meine spezialisiert hatte. Ich kontaktierte sie und schilderte ihnen meine Situation. Die Kosten von rund 45.000 Dollar hätte Dr. Mondhir übernommen, das hatte er mir zuvor versprochen, doch die Hürde, einen gültigen Pass vorzuweisen, machte es mir sehr schwierig. Ich kontaktierte einen Bekannten, der in Jordanien lebte und er erzählte mir, dass viele Patienten dort betrogen wurden und die OPs meist wenig erfolgversprechend waren.

Zurück in Syrien

Dann hörte ich von der Orient-Klinik in der Nähe von Idlib. Man sagte mir, dass man mir dort vielleicht helfen könnte. Ich kehrte also zurück nach Syrien und ließ mich dort untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass mein Rückenmark nicht durchtrennt war, sondern lediglich durch Knochensplitter gequetscht wurde. Sie operierten mich und entfernten einige Splitter, um den Druck zu mindern. Ich kehrte danach in die Türkei in das Camp zurück.

Dort begab ich mich in eine Rehaklinik. Es gibt davon einige in der Türkei, doch sind die meisten nichts weiter als eine weitere Möglichkeit sich auf Kosten der Kriegsverletzten zu bereichern. In der Einrichtung hatte ich lediglich zweimal die Woche zwei Stunden Therapie. Es gab kaum Geräte mit denen trainiert werden konnte. So war das einzige Laufband zum Beispiel defekt. Außerdem war das Personal schlecht bzw. gar nicht ausgebildet. Nach einem Monat hörte ich wieder auf.

Ich bemühte mich weiterhin irgendwo eine adäquate medizinische Behandlung zu finden und begab mich in die Hände diverser Ärzte. Nach ungefähr 5 Jahren in der Türkei machte ich mich erneut auf den Weg nach Istanbul in der Hoffnung dort etwas zu finden.

Auf nach Deutschland

Dort traf ich einen Bekannten. Er riet mir nach Deutschland zu gehen, da ich in der Türkei all meine Möglichkeiten ausgeschöpft hatte und versprach mir, dass er mir bei den Vorbereitungen helfen würde. Ich suchte einen Begleiter, der auch nach Deutschland wollte, und bereit war mir unterwegs zu helfen, verkaufte die Ernte der letzten Olivenbäume, die uns in Syrien blieben und suchte nach einem Schlepper, der uns nach Griechenland bringen sollte. Diesmal hatte ich mehr Glück als bei meinem ersten Versuch: ich stieß auf einen Schlepper, der nicht von mir bezahlt werden wollte. Lediglich für meinen Begleiter verlangte er den Preis der Überfahrt.

Als wir in das Schlauchboot stiegen, reichte mir jemand einen Rettungsring. Ich lehnte ihn ab. Auch eine Rettungsweste wollte ich nicht annehmen. Die meisten um mich herum reisten mit Kindern und Frauen. Sollten wir kentern, hätte ich nicht genug Kraft, um mich lange an dem Ring festzuhalten, und ich wollte nicht, dass sich jemand um mich kümmert und damit seine eigenen Kinder in Gefahr bringt. Es war mir lieber in diesem Falle so schnell wie möglich unterzugehen. Doch ich hatte Glück und die Überfahrt verlief problemlos. In Griechenland kam ich sofort in die Obhut des Roten Kreuzes. Sie sorgten für meinen Transport und begleiteten mich bis ich Österreich erreichte. Während der gesamten Reise saß ich ununterbrochen in einem Rollstuhl, wodurch sich mein Dickdarm entzündete. In Österreich wurde ich deshalb erst operiert, bevor ich Ende Januar 2016 weiter nach Deutschland konnte.

***

In Deutschland angekommen wurde er in ein Krankenhaus in Erding eingeliefert, wo man sich um seine Wundliegegeschwüre kümmerte. Da er auf Grund seiner Lähmung und seiner Wunden speziell pflegebedürftig ist wurde er nicht, wie die meisten Syrer in eine Notunterkunft, sondern in einem Altenheim unterbracht.

In dem Altenheim ist er prinzipiell auch gut aufgehoben. Er bekommt zu essen, zu trinken und das normale Pflegepersonal ist in den meisten Fällen nett und hilfsbereit. Leider gibt es auch einige alarmierende Unzulänglichkeiten, die an Vernachlässigung grenzen.

Als ich ihn das erste Mal besuchte, hatte er nur noch ein sauberes T-Shirt und das, obwohl ihm über dreißig T-Shirts gespendet wurden. Diese wurden vom Personal zum Waschen mitgenommen jedoch nie zurückgebracht. Erst Wochen später, nachdem ich nachgefragt hatte, erhielt er seine Sachen zurück. Eine Erklärung für das Verhalten erhielt ich nie. Neben anderen kleineren Problemen ist das Hauptproblem dort jedoch die medizinische Versorgung.

Die Verbände seiner Wundliegegeschwüre müssten regelmäßig und in kurzen Abständen gewechselt werden. Leider passiert dies viel zu selten und seine Situation hat sich stark verschlechtert.

Am 31.05.2016 wurde er erneut im Klinikum Erding untersucht. Im Befund stand unter anderem:

„…Die Dekubitus im Bereich beider Fersen nach wohl 10 tägigem Ausbleiben eines Verbandswechsels schmierig belegt, übel riechend…“

Wie kann sowas sein? Wie kann man einem Menschen so lange seine Bandagen nicht austauschen, bis er selbst anfängt seinen eigenen Verwesungsgeruch zu riechen? Wie ist das in einer professionellen Einrichtung in Deutschland möglich?

Als Therapie wurde empfohlen:

„… Verbandswechsel aller Wunden alle 2 Tage. Lagerungswechsel alle 2 – 3 Stunden.“

Und doch wurde in der darauffolgenden Zeit weder der Verband entsprechend den Anordnungen des Arztes gewechselt noch kümmerte sich jemand um den Lagerungswechsel. Einen Termin, der 4 Wochen später stattfinden sollte, ließ die Verwaltung des Altenheims auch verstreichen.

Seine Situation verschlechterte sich weiter. Er rief mich an und berichtete, dass seine Wunde immer größer wurde. Er schickte mir ein Bild, dass ich hier nicht veröffentlichen möchte, da es unerträglich ist. Mehrere Tage kriegte ich es nicht aus meinem Kopf. Er erzählte, dass ihm sogar manchmal Verwesungsgerüche von seiner Wunde in die Nase stiegen und das von den medizinischen Verantwortlichen kein großes Interesse an der Situation gezeigt wird. Auch psychisch schien er immer mehr unter der Situation zu leiden.

Am 26.07.2016 wurde er erneut in das Krankenhaus in Erding gebracht, nach dem er selbst darauf bestand. In dem Bericht steht:

„Im Bereich der glutealen rechts Dekubitus zeigt sich eine deutliche Verschlechterung im Verlauf ca 8 x 5 cm.“

Eine weitere Episode erfolgte Anfang Juli. Mehrere Tage lang klagte er über innere Schmerzen, da der Katheter für den Urinabfluss verstopft war. Ein Kollege, mit dem ich gemeinsam versuche, dem Syrer zu helfen, rief sogar das Altenheim an und bat sie, sich um den Katheterwechsel zu kümmern oder ihn eventuell in ein Krankenhaus bringen zu lassen. Erst fünf Tage später, als er bereits unter starken Schmerzen litt, wurde er per Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht. Täglich erhielten wir Anrufe des Syrers bis er schließlich per Notruf und Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht wurde, wo der Katheter gewechselt wurde.

Mein Kollege und ich versuchen weiter dem Mann zu helfen, leider gestaltet sich die Situation schwierig, da er in Erding wohnt und wir einen langen Weg haben. Dennoch versuchen wir seine Behandlung voranzutreiben und   ihn in eine spezialisierte Klinik für Querschnittsgelähmte zu bekommen. Wir warten aber noch auf die Genehmigung des Landratsamtes in Erding. Die Situation im Altenheim und die medizinische Vernachlässigung dort erschweren jedoch alles und erhöhen den Aufwand und die Last, die auf uns ruht.

Und sein Martyrium nimmt kein Ende.

7 Gedanken zu “Tag 46: Der Aufständische – Teil 3 / Vernachlässigt in Erding

  1. Ich bin erschüttert ! Das zeigt wieder mehr die Hilflosigkeit der Behörden , sprich Krankenhaus , Altersheim , sowie die Gleichgültigkeit so hilfloser Menschen gegenüber hier in dem so reichen und fortschrittlichen Deutschland !

  2. wenn man die Pflegesituation in diversen Altersheimen erlebt, ist so eine Situation nicht ganz unbekannt; ganz schlecht geht es alten Demenzkranken die keine Angehörigen haben, die im Notfall laut werden

    • Diesen Gedanken hatte ich auch. Ich frage mich, ob normale Bewohner einer solchen Einrichtung auch so behandelt werden. Weil irgendwo ist es ja auch eine Frage der Einstellung.

  3. In vielen Fällen ja.
    Alten- und Pflegeheime sind immer wieder in der Kritik, weil dort teilweise katastrophale Zustände herrschen.
    Im Grunde genommen geht es um Geld. Das sind eben Wirtschaftsunternehmen, die zum Zweck der Gewinnmaximierung geradesoeben die Mindeststandards einhalten, gerne auch mal weniger wenn sie glauben sie werden nicht erwischt.

    Danke für Ihre Bemühungen.

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