Tag 22: ZOB / Schmiergelder

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Mittwoch, der 25.11.2015

Eine Journalistin von Bayern 2 kontaktierte mich, um mich einen Abend bei meiner freiwilligen Tätigkeit als Helfer und Dolmetscher zu begleiten. Da in den meisten Notunterkünften eine Akkreditierung durch die Regierung notwendig ist, schlug ich vor, einen Abend bei den ZOB-Angels auszuhelfen. Wir trafen uns demnach um 20:30 Uhr an der Hackerbrücke und begaben uns zu den Containern der freiwilligen Helfer. Auch dieses Mal hat sich am ZOB wieder einiges verändert. Zusätzlich zu den Containern und dem Heizstrahler, die ich schon beim letzten Besuch beschrieben habe, befand sich noch ein Pavillon vor dem Container für die Kleiderausgabe und (das war das Beste) ein Wärmebus. Der Bus bot für 30 bis 40 Menschen einen warmen Aufenthaltsraum. Anfangs waren auch Männer in dem Bus. Sie wurden aber nach und nach wieder rausgeschickt, um für neu ankommende Frauen und Kinder Platz zu schaffen. Die Männer akzeptierten dies jedes Mal, ohne zu protestieren. Überhaupt waren an diesem Abend sehr viele Kinder unterwegs.

Ich war nicht besonders lange am ZOB, doch in der kurzen Zeit ergab sich ein durchaus interessantes Gespräch mit einem Syrer aus Deir-Ezzor.

***

Drei Syrer unterhielten sich. Ich stellte mich zu ihnen und hörte zu. Als ich einen der drei Männer fragte, woher er kam, streckte die Journalistin von Bayern 2 ihr Mikrofon zwischen uns. Der Syrer, mit dem ich gerade geredet hatte, schaute sie verwundert an und hörte auf zu reden. Ich erklärte ihm die Situation und sagte: „Sie ist eine Journalisten, die mich begleitet, um über meine Tätigkeit als freiwilliger Helfer zu berichten. Ich schreibe ein Blog und erzähle die Geschichten der Menschen, die ich…“

Bevor ich weiter reden konnte, unterbrach er mich, sah mich mit großen Augen an und sagte: „Du erzählst Geschichten?? Gott hat dich gesandt! Komm her, ich habe eine Geschichte für dich. Du musst sie unbedingt erzählen!“ Als er das sagte, schien er sehr aufgeregt und fügte hinzu: „Sag ihnen, dass die Deutsche Botschaft in Ankara die Menschen dazu zwingt, Schmiergeld zu bezahlen. Machen sie das nicht, treiben sie sie in die Arme der Schlepper.“

Ich bin vollkommen überrascht von dieser Information. Da ich unsicher war, wie er das genau meint, fragte ich: „Wie meinst du das? Erkläre mir das genauer.“

„Ich habe einen Antrag auf Familiennachzug gestellt und daher in der Botschaft die Unterlagen von meiner Familie eingereicht. Aber sie haben mir nur Probleme gemacht.“

„Heißt das, du bist schon länger hier?“, frage ich.

„Ja, schon seit April 2015. Ich habe meine Aufenthaltsgenehmigung bereits erhalten und meine gesamte Situation ist geregelt. Ich habe sogar nördlich von Berlin eine Wohnung. Deshalb habe ich den Antrag gestellt. Aber die Botschaft hat Schmiergeld von mir verlangt. Immer und immer wieder. Schließlich habe ich meine Frau und meine Kinder über das Meer nach Deutschland gebracht. Ich habe 12 Kinder.“

„12 Kinder? Wo sind sie jetzt?“, frage ich erstaunt.

„Sie sind alle hier. Im Bus. Komm, ich stelle sie dir vor!“ Wir gehen zum Bus. Auf dem Weg dorthin erkläre ich der Journalistin die Situation. Sie scheint aus dem Staunen nicht mehr heraus zu kommen. Als wir im Bus ankommen sind, stellt er mir seine Kinder vor. Der Älteste ist 15 Jahre und der Jüngste gerade mal zwei Monate alt.

„Und die hast du alle mit der Mutter in ein Schlauchboot gesetzt?“, frage ich ihn.

„Ja.“, sagt er. „Ich hatte keine andere Wahl. Das Baby ist sogar in das Meer gefallen. Seine Mutter konnte ihn aber noch in letzter Sekunde aus dem Wasser holen. Stell dir vor, sie musste in der Türkei sogar ihren Ehering verkaufen, um die Rettungswesten kaufen zu können.“, sagte er verbittert. Dann fügte er verärgert hinzu: „Ich hatte alle Unterlagen, doch sie haben mich blockiert. Es ist eine syrische Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft. Sie blockiert viele Anträge. Warum sollten sonst so viele Menschen über das Meer kommen? Viele haben ihre Kinder wegen dieser Frau im Meer verloren.“

„Willst du damit sagen, dass sie euch absichtlich blockiert, um Bestechungsgeld zu bekommen?“

„Ja, genauso ist es! Komm her, ich zeige dir meine Unterlagen.“, sagt er und eilt zu seinem Gepäck, zieht einen Rucksack hervor und holt einen Haufen Dokumente in einer durchsichtigen Schutzfolie heraus.

„Schau her, das sind die Pässe von meiner Frau und meinen Kindern. Hier sind auch noch die Geburtsurkunden. Das sind beglaubigte Übersetzungen der Geburtsurkunden, Auszüge aus dem Familienheft…“ Er zeigt mir jedes einzelne Dokument. Einige sehe ich mir genauer an, andere lege ich schnell wieder zur Seite.

„Das kostet alles Geld. Die Übersetzungen, die Gebühren und die Zeit.“

„Und wofür hast du das Schmiergeld bezahlen müssen?“, frage ich.

„Zuerst musste ich für jedes einzelne Kind 100$ zahlen; schau, ich kann es dir beweisen.“ Er zeigt mir ein Foto von einem Dokument auf seinem Handy, auf dem die Namen seiner Kinder stehen. Vor jeden Namen stand mit rotem Kugelschreiber: „100$“.

„Ist das die normale Registrierungsgebühr?“, frage ich.

„Nein, das ist für die Anmeldung für einen Termin in der Botschaft. Die Anmeldung kostet normalerweise 12 türkische Lira. Um die Anmeldung jedoch aufzunehmen, verlangen sie dort 100$ Schmiergeld. Aber das ist nicht alles! Zuerst haben sie mir einen Termin im April 2016 gegeben.“ Wieder zeigt er mir ein Bild von einem Dokument auf seinem Handy. Es ist eine Einladung zu einem Termin in der Deutschen Botschaft.

„Ich bin zur Botschaft gegangen und habe 1.000$ Schmiergeld bezahlt, um einen früheren Termin zu bekommen. Sie gaben mir einen Termin für den 11.11.2015.“ Er zeigte mir weitere Dokumente aus der Botschaft, die nahelegten, dass er dort tatsächlich vorstellig war. Dann zeigte er mir eine Kopie eines Dokuments und sagte:

„Das ist das einzige Dokument, das ich nicht im Original vorweisen konnte. Ich hätte zurück nach Damaskus gehen müssen, um es zu bekommen. Und wer weiß schon, ob ich es überhaupt erhalten hätte. Ich wäre anderthalb Monate unterwegs gewesen. Sie stellte mich vor die Wahl: Entweder zahle ich 1000$ Schmiergeld oder ich muss zu den Schleppern gehen. Die Kontakte zu den Schleppern hat sie mir auch gleich mitgegeben.“

„Wer stellte dich vor die Wahl? Die syrische Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft? Verstehe ich dich richtig?“

„Ja, sie ist eine schlechte Frau. Sie tut dort sehr viel Unrecht. Jedenfalls habe ich meine Kinder letztendlich in das Schlauchboot gesetzt.“

„Aber wie konntest du die Überfahrt mit dem Boot finanzieren?“

„Ich musste das Haus und die Ländereien meines Vaters in Deir-Ezzor verpfänden.“

Normalerweise gebe ich lediglich die Geschichten der Menschen wieder und versuche dabei, relativ neutral zu bleiben. Bei dieser Erzählung hatte ich jedoch das Gefühl, dass da mehr passieren muss. Wie war das nochmal mit der Leitkultur?! Ist DAS das Bild von Deutschland, das wir den Menschen vermitteln wollen, bevor sie überhaupt einen Fuß in unser Land gesetzt haben? Ich kann natürlich nicht versprechen, dass die obigen Aussagen der Wahrheit entsprechen. Aber ich habe in den letzten Stunden mit mehreren Flüchtlingen, mit denen ich in Kontakt stehe, telefoniert. Sie haben mir ähnliche Geschichten aus erster oder zweiter Hand erzählt. Folgende Aussagen habe ich aus mehreren Quellen:

– Man zahlt Schmiergeld, um überhaupt einen Termin zu bekommen (100$). Dieser liegt meistens mehrere Monate in der Zukunft. Es kann bis zu einem Jahr dauern.
– Man bezahlt nochmal Schmiergeld (500 bis 1000$), um einen früheren Termin zu bekommen. Hier werden die Termine von Leuten verkauft, die bereits auf illegaler Weise weitergereist sind.
– Man bezahlt Schmiergeld (1000$), wenn ein Dokument fehlt (es handelt sich hierbei meist um ein Dokument, bei dem es offensichtlich unmöglich ist, sie sich erneut ausstellen zu lassen). Nach der Zahlung ist dieses Dokument offenbar nicht mehr zwingend notwendig.
– Die Terminvergabe und Dokumentenprüfung geschehen durch Büros, die mit den Botschaften unter Vertrag stehen. Die Schmiergelder fließen anscheinend an dieser Stelle.

Diese Aussagen habe ich sowohl über die Deutsche Botschaft und Konsulat im Libanon, als auch über die in der Türkei.

Wenn wir von den Menschen erwarten, dass sie sich hier in Deutschland an unsere Regeln halten, dann sollten wir auch dafür Sorge tragen, dass wir selbst unsere Regeln respektieren und in auch unseren Vertretungen dafür sorgen, dass soetwas nicht passiert.

Aber vielleicht bin ich da auch einfach nur zu anspruchsvoll.

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6 Gedanken zu “Tag 22: ZOB / Schmiergelder

  1. Dieser Artikel im ‚Stern‘ hat das Problem vor einigen Wochen auch aufgegriffen. Die Verfasser heben darauf ab, dass die Diskussion um den Familiennachzug übersieht, dass im Moment die Konsulate und Botschaften als (gewollte?) Flaschenhälse wirken, die die Familienzusammenführung fast unmöglich machen. In diesem Umfeld gedeihen dann die von dem Interviewten beschriebenen Praktiken:
    http://www.stern.de/politik/deutschland/fluechtlingskrise–die-maer-vom-familiennachzug-fuer-syrische-fluechtlinge-6545696.html

  2. Die Botschaft in Beirut warnt auf ihrer website eindringlich und mehrsprachig vor den betrügerischen Machenschaften: http://www.beirut.diplo.de/Vertretung/beirut/de/Startseite.html

    Bei der Botschaft in der Türkei ist der Warnhinweis nicht so deutlich aber vorhanden: http://www.tuerkei.diplo.de/Vertretung/tuerkei/de/02-visa/08-visa-fuer-syrien/0-visa-fuer-buerger-aus-syrien.html und der Hinweis, daß Terminvergaben nur über eine externe Stelle vorgenommen werden http://www.tuerkei.diplo.de/Vertretung/tuerkei/de/02-visa/i-data-hinweis-deu-arab.html

    Wenn es aber wie oben beschrieben ein syrische Mitarbeiterin IN der deutschen Botschaft war, sollten Sie umgehend das AA informieren.

  3. Echt zum kotzen wie viele sich an der Misere der Flüchtenden bereichern.

    Es ist aber zumindest gut dass es (hoffentlich) noch mehr Menschen sind die ohne jeglichen Lohn den Flüchtenden helfen. 🙂

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